Autoren
Neil Gaiman

Vor einigen Monaten


"Ruûshiz! Es sieht nicht gut aus. Sie tritt in die Geisterwelt hinüber.", flüsterte der orkische Schamane aus einem Zelt zu Khazzok Eisenschädel. Der weit über zwei Meter messende und muskelbepackte Ork knurrte während er ein vertrautes Nicken entgegnete. Dann erhob er sich und wandte sich um. Sein Blick fiel auf eine wartende Meute einsatzbereiter Orks, es waren seine Gefolgsleute und Gefährten, bestückt mit Fackeln und bis an die Zähne bewaffnet. "Ihr wisst um die Menschendörfer in den Bergen. Sie weigerten sich uns zu helfen. Nun nehmen wir uns was wir brauchen, was Kura braucht. Medizin. Tötet nur, wenn es sein muss. Uorgh verlasse mich auf euch." Voller Eifer bleckten die gut zwei Dutzend Grünhäute ihre Zähne und gehorchten dem Befehl ihres Anführers. In Gruppen zu je 6 Orks zogen sie sogleich in die finstere Nacht und verschwanden rasch zwischen den riesigen Tropenbäumen.


Khazzok widmete sich wieder dem Zelt, wo Kura, sein Weib, kurz vor der Geburt seiner Kinder im Sterben lag. Er flüsterte, "Uorgh habe sie losgeschickt. In einigen Stunden sollten sie zurück sein. Wie viele sind es?"

"Uorgh schätze fünf Bârn.", antwortete eine raue Stimme aus dem Zelt, die wohl vom Schamanen herrührte.

"Wie viele leben?". In Khazzoks Stimme lag Verunsicherung, die er vor dem Clan nie so gezeigt hätte.

"Es ist Leben in ihrem Bauch. Noch scheinen alle zu leben, aber die gelbe Reiterin ist tückisch und schlägt meist kurz vor der Geburt zu. Mit etwas Glück wird einer, vielleicht zwei, Luft atmen können."

"Und wenn Kura stirbt?"

"Dann, Ruûshiz, haben wir nur wenige Augenblicke und müssen sie aufschnei..."

"Schneidet mich sofort auf ihr Dumbaze!", keuchte plötzlich eine weitere Stimme, getränkt von Erschöpfung, aus dem Zelt.

"Kura, bist du das? Ruh' dich aus. Hilfe kommt. Du wirst Leben und unsere Bârn auch.", sprach Khazzok nun nicht mehr im Flüsterton. Er bemühte sich überzeugt und optimistisch zu klingen, aber es gelang ihm nicht besonders. Kura schrie daraufhin erneut auf. Ein Schmerz durchzog wie schon zuvor einige Male ihren Körper und sie kämpfte um ihre Fassung als auch ihr Bewusstsein. Der Schamane bat Khazzok etwas frisches Wasser vom Bach zu holen und es für Kura abzukochen. Khazzok kam der Bitte wie selbstverständlich nach, nahm einen Topf aus dem Zelt entgegen und begab sich die flache Böschung herab zum sandigen Ufer, welches etwa 50 Schritt vom Lager entfernt war. Auf dem Weg dorthin schossen dem hünenhaften Ork tausende Gedanken durch den Kopf, während Äste und kleinere Büsche unter der kräftigen Fortbewegung leise knackten. Seine Umgebung nahm er nur schemenhaft wahr und viel zu sehen gab es in der pechschwarzen Nacht ohnehin nicht. Aber auch seine anderen Sinne, welche die verdächtigen Gerüche und Geräusche an anderen Tagen sicher wahrgenommen hätten, waren wenig geschärft und vielmehr wie betäubt. So bemerkte er auch nicht, als er gedankenverloren den Topf an einer tieferen Stelle befüllte, dass nur wenige Meter entfernt eine verhüllte Gestalt ihn auf der anderen Uferseite beobachtete.


"Ich weiß was dich kümmert, Khazzok Eisenschädel.", sprach der bis dato immer noch vom Ork unbemerkte schwarze Mann.

Khazzok schüttelt sich kurz, warf alle Gedanken ab und hievte seinen schweren Körper in Sekundenbruchteilen auf die Beine in eine Angriffshaltung. Er bleckte seine mächtigen Eckzähne, knurrte und versuchte mit seinen nun schlitzartigen Augen den Eindringling zu orten. Dies gelang ihn auch recht schnell, während er jedoch in der finsteren Nacht und der noch dunkleren Kulisse des Regenwaldes nicht mehr als eine Silhouette ausmachen konnte.

Der Unbekannte warf daraufhin eine leuchtende Phiole im hohen Bogen und recht vorsichtig zum Ork, der diese reflexartig zu fangen wusste. Sein Blick wanderte auf die Phiole, dessen Flüssigkeit selbst in der Dunkelheit in einem zarten orange leuchtete.

"Wer bist du? Was ist das?", fragte der ein wenig perplex wirkende Riese, der jedoch instinktiv in der aggressiven Angriffshaltung verblieb.

"Ist das wichtig wer ich bin? Gib das deinem Weib und so wird sie als auch deine Bälger diese Nacht überleben.", sprach der Unbekannte im ruhigen Ton.

Khazzok blickte ein weiteres mal verwundert auf das Glas mit der schimmernden Flüssigkeit, "Du willst uns bloß vergiften!". Er blickte zur Gestalt oder dorthin wo die Gestalt eben noch war, denn plötzlich war sie spurlos verschwunden. Er schnaubte verächtlich und war für einen Moment in Begriff die Phiole über den Bach in den Dschungel zu donnern, aber dann mischte sich Angst in seine Aggression. Was, wenn die Phiole helfen konnte, wenn keine Hilfe aus den Menschendörfern zurückkam? Khazzok beschloss die Phiole zu verwahren und sie für den Augenblick der größten Verzweiflung, der hoffentlich nicht kommen mochte, zu verwahren. Er füllte den Topf und machte sich die Böschung hinauf zum Lager, um das Wasser abzukochen.

Khazzok hielt sich die nächsten Stunden stets in Hörweite zum Zelt auf. In unregelmäßigen Abständen vernahm er die Schmerzensschreie seines Weibes und bei besonders erbitterten Lauten versuchte er nach ihr zu sehen, nur um dann vom Schamanen wieder weggeschickt zu werden. Bald schon kamen die ersten Trupps von ihren Raubzügen zurück, doch schnell machte sich Ernüchterung bei allen Beteiligten breit. Zwar hatten diese säckeweise Diebesgut im Gepäck, aber darunter war nichts, was die Orks nicht schon besaßen. Aber es musste auch so kommen, da die überfallenen Dörfer eher kleine Weiler voller halbnackter Menschen waren und große Hospitäler mit Gelehrten an solch primitiven Orten ohnehin nicht zu erwarten waren. Ein Versuch, wenn auch einen verzweifelten, war es dennoch wert. Schließlich kam der letzte Trupp und deren Beute wurde akribisch durchgeschaut. Nichts. “Was nun, Ruûshiz?”, fragte einer der ranghöchsten Okwach.

Khazzok blickte zu ihm, sein Name war Morgo, aber er schaute durch ihn durch. Dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort ab und schritt zum Zelt, wo er sich Einlass gewährte ohne danach zu fragen. Verdutzt schaute der Schamane zum kräftigen Anführer, der mit seiner Statur beinahe sofort den ganzen Raum einnahm. “Gib ihr das! Frag nicht und wage es den anderen zu erzählen.”, befahl er mit einem grimmigen Blick und hielt die Phiole des Unbekannten vor sich in der ausgebreiteten Pranke. Für einen Moment schien der Schamane sich zu weigern, doch dann prüfte er Khazzoks Gesicht eindringlicher und wusste sogleich, dass er es ernst meinte. Er nickte, nahm die Phiole, zog den Korken heraus und deutete auf Kura. “Schau, dass sie mich nicht beißt.”, zischte der Schamane.

Einige Tage später

Kura überstand das Fieber und gebar, zur Verwunderung aller, schon am nächsten Mittag nach der rastlosen Schreckensnacht fünf gesunde Bârn. Zwar gab es im Lager ein paar orktypische Kommentare wie „Da brat‘ mir doch einer ein Elflein. Manche Weiber werfen zehn Tote und die Todgeweihte wirft fünf, die allesamt nun frisch und munter vor sich hin quieken.“, aber die meisten nahmen die Ereignisse zunächst als gutes Omen für die bislang eher enttäuschende Expedition zum Südkontinent.

Die Orks folgten Khazzok auf der Suche nach ihrer Bestimmung und setzten auch deshalb das Ränkeschmieden, welches eigentlich ein fester Bestandteil des orkischen Wesens war, zunächst für das gemeinsame Ziel aus. Emporkömmlinge bevorzugte das System, wenn diese vor Konkurrenten Stärke zeigten, und Kommandanten wurden ausgesiebt, wenn sie sich auf irgendeine Weise Blöße gaben. Und die letzten Wochen waren wahrlich enttäuschend für alle, aber insbesondere für Khazzok verlaufen. Zunächst zerschellten einige Boote an der Küste an den vorgelagerten und rasiermesserscharfen Felsen, die sich wie rote Zähne in die Planken fraßen und dabei einen Großteil des Proviants sowie einige Seelen für immer vom Meer verschlucken ließen. Danach drückte die grüne Hölle auf das eigentlich unsanfte Gemüt der Grünhäuter, schließlich hatte man erst gar nicht beabsichtigt in den Tropenwäldern zu landen. Der Navigator wurde daraufhin mit seiner Hinrichtung bestraft und alle Pläne mussten komplett umgeworfen werden. Nun war man hunderte, wenn nicht tausende Kilometer, vom eigentlichen Ziel, den Dämmerlanden im Nordosten entfernt und der Weg dorthin führte durch den dichten Dschungel, über Bergpässe sowie Graslandschaften, mit nun spärlichen Ressourcen. Khazzok befahl ein Lager an der Küste aufzubauen, um alles für die bevorstehende Reise innerhalb weniger Tage zu sammeln. Doch dies war leichter gesagt als getan, denn der durchaus lebendige und artenreiche Dschungel verfügte kaum über größere Beutetiere, die eine Orkmeute sättigen konnten. So begannen schnell die Unmutsäußerungen hinter Khazzoks Rücken und der Anführer der Nörgler war dabei Tôrhz der Dreiäugige, dessen Antlitz tatsächlich ein drittes missgebildetes Auge besaß. Da Khazzok in den letzten Tagen die Ziele der Expedition offensichtlich dem Wohl seines Weibes sowie seiner Bârn untergeordnet hatte, wuchs in der Fraktion um den Dreiäugen der Wunsch nach einem neuen Anführer. Da Tôrhz nicht nur eine große Klappe, sondern auch eine furchteinflößende Physis besaß, konfrontierte er schließlich Khazzok, als dieser wieder bei vollen Kräften zu sein schien, um einen unzweifelhaften Sieg zu erringen.

Nur wenige Augenblicke nachdem Tôrhz sein Anliegen unmissverständlich zum Ausdruck gebracht hatte, fanden sich beide Orks in einer Arena wieder. Gut, es war vielleicht keine echte Arena, aber die Schaulustigen, die einen Kreis um den Ort des Kampfes bildeten, schrieen wie wild und fuchtelten gestenreich mit ihren Armen als sei es eine. Die Stimmung war grandios, ein guter Kampf und Blut waren alles was ein zufriedener Ork benötigte. Während Khazzok seine schwere Axt in den sandigen Boden rammte, schlich Tôrhz wie ein Raubtier um seinen Gegner herum und beäugte den schwächelnden Anführer mit drei aufmerksamen Augen, von denen aber nur zwei sehen konnten. Bewaffnet mit einem Morgenstern und Streitflegel, mit dem er bedrohlich Kreise in der Luft markierte, begann er den ersten Angriff von der Seite. Khazzok reagierte zunächst nicht und wich erst im letzten Moment dem Kopf des Flegels aus, ließ seine Axt wo sie war und rammte dem anstürmenden Tôrhz seine mächtigen Faust in den Magen. Durch die Wucht seiner Waffen und vom Schlag außer Kontrolle gebracht, torkelte der Herausforderer einige Meter zu den Zuschauern. Dann keuchte er grässlich, rang nach Luft und kotze einen kleinen, aber kopflosen, Affen aus, dessen Körper mit kleinen Steinen als auch undefinierten Resten auf den Boden klatschte. Dies alles geschah unter dem Raunen der restlichen Orks. Tôrzh schüttelte sich und brüllte groß auf. Geschickte schwang er den Streitflegel und schmiss ihn urplötzlich in Khazzoks Richtung. Doch diesmal musste er nicht einmal ausweichen, da der Wurf nicht genau war und vor den Füßen eines Khurkachs versandete. "Schluss mit den Späßen.", gab Khazzok zu verstehen als er seine zweiseitige Streitaxt, offenbar ein Zwergenprodukt, aufhob. Daraufhin begann ein wilder Kampf, Khazzoks Angriffe waren mächtig, ein guter Treffer hätte wohl gereicht, aber Tôrhz verteidigte sich geschickt, indem er sich entweder ganz nah oder ganz fern zu seinem Kontrahenten aufhielt. Mit seinem Morgenstern traf er auch einmal den linken Arm und einmal die Rippengegend. Vor allem die Lädierung seines Armes setzte Khazzok zu, denn seine Angriffe wurden träger und ungenauer. Als Tôrzh dann mit dem Knauf seiner Waffe auch noch einen Treffer auf die Eisenplatte seines Anführers verbuchen konnte, torkelte dieser bedenklich und kniete gar für einen Augenblick ab. In diesem Moment stürzte aus der Menge ein weiterer Ork mit einem Messer auf Khazzok zu und stieß das metallische Werkzeug in den Rücken des ohnehin schon angeschlagenen Orks. Dieser schrie auf, während Tôrzh lachte, "Es hieß, du seist auserwählt, Khazzok Eisenschädel. Lassen sich Auserwählte so einfach abmurksen?", woraufhin er prahlend seine Waffe gen Himmel reckte.

Khazzok stöhnte unvermindert weiter und sackte in den warmen feuchten Sand. Blut floss aus seinem Maul vorbei an den massiven Eckzähnen. Sein Kopf dröhnte und die Welt verschwamm zu einem abstrakten Bild ohne feste Konturen. Die Zuschauer wurden vom Rot des Blutes weiter angestachelt. Aber war der Kampf, war die Reise hier schon vorbei für ihn vorbei. Nein, denn innerhalb eines Augenblicks begannen seine Arterien zu pulsieren und dies breitete sich in die Venen wie Adern bis in die entlegenste Ecke seines Körpers aus. Der Schmerz verblasste und auch seine Wahrnehmung wandelte sich erneut. Es sah zwar nicht klar, aber auf eine andere viel gefährlichere Weise. Khazzok kam es so vor als höre er urzeitliche Trommeln, seine Muskeln pumpten sich auf und mit einem Mal fühlte er sich federleicht. Sein Blutrausch hatte begonnen.


Zum Entsetzen des Meuchlers stand Khazzok plötzlich vor ihm und umschloss mit der Pranke seines lädierten linken Arms den Kopf seines Gegners. Mit ungeheurer Kraft drückte er zu, wonach dem etwas schlaksigeren Ork unter schrillen Quieken zunächst die Augen platzten und schließlich der ganze Schädel. Verächtliche warf Khazzok den toten Leib in Richtung Tôrhz, der mit versteinerter Miene das Schauspiel verfolgt hatte.


Wie ein wildes Raubtier sprang er mit einem Satz auf Tôrzh, der nun nicht mehr ausweichen konnte und rückwärts in den Sand fiel. Khazzok saß auf ihm drauf, schlug zu und kratzte tiefe Wunden mit seinen Krallen in den Leib seines Kontrahenten. Als dieser sich zu verteidigen versuchte, setzte es eine mächtige Kopfnuss woraufhin der Herausforderer für einen Moment sein Bewusstsein verlor. Unter fürchterlichen Schmerzen erblickte er röchelnd noch einmal das Tageslicht und sah wie Khazzok dessen Herz herausriss. Dann starb er unter dem Jubel der restlichen Orks und dem Siegesschrei Eisenschädels.

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