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George R. R. Martin

Ein schmaler Sonnenstrahl durchdrang die dicke, warme Luft. In seinem Licht tanzten Staubpartikel in einem langsamen, fast schon trägen Rhythmus. Der grob behauene Stein, auf den der Lichtkegel fiel, glänzte in einem grellen, schmerzenden Rot. Angelehnt an die Mauer saß er, den Rücken gekrümmt und die Beine leicht angewinkelt, und rührte sich nicht. Die langen schwarzen Haare klebten in seinem schmutzigen und verschwitztem Gesicht. Die verschorfte Wunde am Kopf brannte und das ständige Pochen im linken Ohr raubte ihm jede Chance auf Schlaf. Langsam streckte er die Hand nach dem kleinen tönernen Krug aus, der einige Fuß weiter im Raum stand. Seine Gelenke fühlten sich an, als hätte er seit einem Jahrzehnt in dieser Haltung verharrt und würde seine Gliedmaßen zum ersten Mal seitdem bewegen. Seine Ellbogen knackte und ihm entfuhr ein stummes Ächzen. Seine Finger tasteten, ohne ihr Ziel zu finden, über den leeren Granitboden. An den scharfen Kanten schnitt er sich die Finger auf und der Schmerz fuhr durch seinen Arm. Er öffnete langsam sein rechtes, nicht zugeschwollenes Auge und schloss es sofort, als sich der rote Schein des gleißenden Granits in seine Netzhaut einbrannte. Alles war rot, alles war Stein.

Er beugte sich leicht nach vorne und verdunkelte mit einer Hand seine Augen, während er abermals nach dem kleinen Krug tastete. Zitternd näherten sich seine Fingerspitzen dem Tongefäß. Ihm fiel auf, dass ihm einige Fingernägel fehlten und er wunderte sich. Er wälzte seine Gedanken und er merkte viel zu spät, dass er den Wasserkrug umgestoßen hatte. Die lebensspendende Flüssigkeit lief über den Boden und färbte sich wegen des allgegenwärtigen Steinstaubes schnell in einem grau-rötlichen Farbton. Es versickerte schnell in einer schmalen Felsritze und zurück blieb nur ein dunkler, feuchter Fleck. Sein Kopf fiel zurück und plötzlich war er ganz woanders.


Mit flinken Füßen lief er durch das ellenlange, feuchte Gras. Die Lederriemen der Wasserschläuche schnitten ihm in die Schulter. Vor kurzem hatte es geregnet und die Dschungelluft hing schwer in den nächtlichen Gassen. Die wenigen Laute, die aus manchen Fenstern auf die Straße drangen, wurden von den nächtlichen Geräuschen des triefenden Waldes erstickt. Er erschrak kurz, als seine Füße ihn über die steinerne Straße führte. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, seitdem er zuletzt in der Stadt gewesen war. Endlich erreichte er das Haus, vor dem sie sich treffen sollten. Er verbarg sich unweit der Tür und wartete. Nach einer kurzen Weile öffnete sich die Tür und ein schwaches Licht drang nach draußen. Im Lichtkegel sah er das kurze Aufblitzen von vereinzelten Wassertropfen. Mit schnellen Schritten überquerte er die Straße und ging auf die Tür zu. Bisher ging alles nach Plan, und trotzdem war er unheimlich angespannt. "Hast du das Meerwasser?" fragte ein nicht erkennbarer Schemen aus dem Haus. Er selbst gab keine Antwort und nahm die schweren Wasserschläuche von der Schulter. Die Tür aus Tropenholz schloss sich hinter ihm. Er folgte seinem Mitverschwörer durch einen quadratischen Gang, an dessen Wänden einige Textilstücke aufgehängt worden waren. Wohl, um dem Haus etwas Behaglichkeit zu verleihen. Sie gleichen eher Leichentüchern, dachte er grimmig.

Schließlich erreichten sie einen hell erleuchteten Raum, in dessen Mitte ein großer Tisch stand. An dem Tisch saß ein großer, stämmiger Krieger. Er wandte ihnen den Rücken zu und schien sich auf etwas zu konzentrieren, was vor ihm auf dem Tisch lag. Langsam näherte er sich ihm und beugte sich schließlich vor ihn, um ihm ins Gesicht zu schauen. Er packte ihn dafür an das Kinn und hob seinen Kopf an. Die Haut des Mannes war von Schweißperlen übersäht und seine Pupillen zuckten unruhig hin und her, als er den jungen Mann vor sich erblickte. Er versuchte, etwas zu sagen, doch sein Körper war durch das Nervengift fast komplett gelähmt, sodass ihm nur ein leises Stöhnen entfuhr. Er lächelte den Vergifteten an, legte ihm den Finger auf den Mund und sprach leise: "Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Hochinquisitor."

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