Autoren

»In Dunkelheit geboren, sein Herz von einem eisigen Wind sogleich erfasst, war sein Schicksal bereits geschrieben. Man würde ihn verehren für das, was er sein könnte, und fürchten für das, was er sein würde.« 

Buch der Gezeiten, Der Weber


»Feborn, oh du unglückselige Stadt, ist dies nun dein Ende oder dein Anfang? Sag es mir, denn ich vermag die Morgen- von der Abenddämmerung nicht zu unterscheiden. All der Kummer und all die Hoffnung liegen wie ein dichter Nebel über deine Seele. Schenke uns ein Zeichen, auf dass wir es wahrheitsgetreu deuten mögen.«

Forodsche Chroniken, Henrich Sibbeling



Feborn, oder Avenur, wie sie einigen nun genannt wurde, war seit einigen Monden in der Hand von König Bordas Deataru. Zuvor lag die Hafenstadt da, siechte vor sich hin, wie der liegengelassene Leichnam eines Soldaten, der alles in der Schlacht gegeben hatte, schließlich alles verlor und dann vergessen wurde, weil nur lebende Soldaten noch von Wert waren. Wie ein riesiger Walkadaver alle möglichen Aasfresser über Wochen zu ernähren weiß, so zog auch Feborn eine Weile alles mögliche an Getier und Gesindel an, die auch das letzte bisschen aus der Stadt abzunagen vermochten. Zuletzt waren es grobschlächtige und gleichermaßen einfältige Piraten, grausame Sklavenhalter und unverbesserliche Anarchisten. Sie hausten im übriggebliebenen Skelett des riesigen Waltorsos während die Knochen bereits zu zerbersten begannen. Doch auch ihre Zeit neigte sich dem Ende zu, denn es gab nicht mehr viel zu holen, weshalb die Kaperfahrten immer länger und somit immer gefährlicher für die Seeräuber wurden. Sie wären vermutlich in wenigen Tagen ohnehin weitergezogen, aber dann überraschte sie die Armee des Königreichs und eroberte die Stadt zurück. Nun waren es die Piraten, die das Schicksal ihres Aas jämmerlich teilten und nun schon einige Tage unter der Erde verrotteten. König Bordas, so sagte man nachher, habe geduldig im Dickicht des Vagawaldes auf der Lauer gelegen und sich immer näher an sein Ziel herangepirscht. Als er dann von den Piraten erfuhr, die auch vor seinen Schiffen nicht halt machten, habe er schließlich die Gelegenheit erkannt, auf die er zuvor so lange gewartet hatte, und dann ohne Zögern zugeschlagen, wie ein perfektes Raubtier. Womöglich sind es diese Strategien, denen er den Beinamen „der Skorpion“ zu verdanken hat, da auch dieser bekanntermaßen ein lauernder Jäger ist.

Mit dem eigentlichen Eroberer, denn dies war der Rinaldi-Bastard und nun Zögling des Königs, Brychan Blodwuin, welcher die Schlacht um Feborn schlug, hatte er jene Geduld nicht gemein. Dieser war nämlich, wohl auch seinem jungen Alter von Anfang zwanzig geschuldet, impulsiver und eben ungeduldiger als sein Lehnsherr. So waren die jungen Herren jener Tage. Gab man ihnen ein Schwert und Erfolg, saugten sie gierig die Macht in sich auf wie sie es einst mit der Milch aus der Titte ihrer Mutter taten. Und doch sahen viele im jungen Grafen mehr und verglichen ihn oftmals mit einem anmutigen Löwen, der zwar stolz aber auch ehrenvoll schien. Natürlich wollte er Ruhm und Macht, aber nicht um jeden Preis der Welt, so schien es. So war eine Anekdote aus der Schlacht, dass er sich zum Ende hin dem Piratenanführer stellen wollte, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Als dieser zustimmte und aus der Deckung kam, war es Geron Knochenbieger, ein ihm an der Seite gestellter und vom König beauftragter Wachhund, welcher die Gelegenheit nutzte und einen kaltblütigen Mord beging, indem er die Bogenschützen schießen ließ und dem Grafen zuvorkam. Brychan war darüber so erzürnt und wohl auch gekränkt, denn er fühlte sich als ehrloser Wortbrecher, dass er sich in den eroberten Hafen zurückzog, um kräftig Dampf abzulassen. Er war außer sich und trat gegen vermodernde Fässer und stampfte auch gegen eine der Klampen der vielen Anlegestellen, was er paar Tage später noch im Bein zu verspüren vermochte. Er fluchte zischend und nur allmählich verrauchte der erste Zorn darüber, als er das Meer und den salzigen Geruch der Heimat, welcher seine Nase durchströmte, vernahm. Sein Blick schwenkte nach links hinüber zu den Klippen, wo das idyllische alte Viertel der Fischer begann. Die kleinen Häuschen und Hütten verweilten da, die wie Möwen über der Brandung auf den Felsen saßen und an selber Stelle über Jahrhunderte viel Seemannsgarn vernommen hatten, aber nun auch unter der Last der Vergangenheit zu krächzen schienen. Es war jener Moment, als Brychan sich eine bessere Zukunft vorstellen begann, als etwas zwischen den Felsen glitzerte. Von der Neugier angezogen ging er den Weg der Fischer leicht hinauf und sah, wie in einer Pfütze ein dunkler funkelnder Gegenstand neben Kies und abgesetzten Sand lag. Vorsichtig glitt er die rutschigen, aber recht flachen, Felsformationen herab, um das Objekt der Begierde genauer beobachten zu können. Es sah wie ein Feuerstein zunächst aus und hätte auch der Zahn eines Haies gewesen sein können, denn der Stein war scharfkantig und flach. Brychan nahm den pechschwarzen Stein aus der Pfütze und bewunderte ihn zwischen seinen Finger drehend von beiden Seiten. Die Oberfläche war von einer Seite völlig glatt, fast als sei dieser geschliffen, und spiegelte die Umgebung ohne Verzerrungen. Die andere Seite war rau und von kleinen Einkerbungen geprägt. Es schien, als sei der Stein von einem größeren abgesplittert worden. Auf der rauen Seite, welche somit einst Bestandteil des Inneren war, erkannte Brychan eine leicht in violetter Farbe leuchtende Maserung, die sich wie Adern durch den Stein zog. Auf der Außenseite war dagegen nichts davon zu vernehmen. Der junge Graf hatte nie zuvor so etwas gesehen und so beschloss er den Steinsplitter an sich zu nehmen. Dann ging er wieder zurück zum Hafen, wo er wenige Augenblicke später König Bordas treffen sollte.

Drei Monate später. In der Nähe von Feborn. Im Schutze der Nacht.

»Es ist an der Zeit.«, säuselte ein entstellter Mann, dessen Gesicht von Brandverletzungen mit Narben übersät war und dessen Augenhöhlen leer waren. Er hielt ein schwarzes Tuch in seinen Händen und band dieses um seinen Kopf, um den Verlust des Augenlichtes nach außen hin zu verbergen. »Geh, bereite alles vor!«, befahl er einer schattenhaften Kreatur, die etwa kniehoch war und über einen Schwanz verfügte, welcher mit Widerhaken bestückt war, und auf einer kleinen Mauer saß. »Ich werde das Treffen für Euch arrangieren, mein Meister.«, zischte das Wesen und verbeugte sich vor den in dunklen Stoffen gekleideten Mann. »Und Dämon...“, sagte er zu der Kreatur, die nun wie eine Katze auf vier Beinen bereit war von der Mauer zu springen, aber aufmerksam lauschte, indem sie die ebenfalls katzenartigen Ohren nach vorne richtete, „… sei behutsam und erschrecke ihn nicht zu sehr. Er wird nicht wissen wie ihm geschieht und er ist zu wichtig für unsere Pläne.« Daraufhin verbeugte sich der Dämon tief, machte einen großen Satz von der Mauer hinein in ins Gebüsch und verschmolz in Windeseile mit der Dunkelheit. Der Mann, dessen ohnehin schon finsteres Antlitz vielen wohl mindestens eine Gänsehaut brächte, grinste teuflisch. »Möge es beginnen.«

Zur etwa gleichen Zeit schlief Brychan in seinem provisorischen Gemach in einer der weitestgehend unberührten und noch gut erhaltenen Bauernhütten in Immerkorn direkt vor den Toren der Ruinenstadt. Ein aufgeregtes Klopfen an seiner Tür riss ihn aus seinen Träumen. Des Nachts träumte er oftmals seiner Frau Friis und seinem ungeborenen Kind, welches in seiner nächtlichen Vorstellungskraft aber als Junge schon zu Welt gekommen war und mit seinem Papa um die Nachspeise mit Holzschwertern fochte. »Eure Hoheit. Verzeiht, aber es eilt.«, insistierte der Mann an der Tür und klopfte erneut. Brychan grummelte, richtete sich auf und zog sich schnell etwas über. Daraufhin nahm er die Kerze, die vom kleinen Nachttisch aus den Raum flackernd erhellte, und erhob sich stöhnend von seinem Bett. Es klopfte wieder. »Ja, ja. Ich komm ja schon.«, gab er deutlich zu Protokoll und ließ den Gast hinein, der bereits wieder zu einem Klopfen ausgeholt hatte. »Was ist los?«, fragte er anschließend Drymond, der ihm gut bekannt war, und weil er mit seinem ehemaligen Waldläufergefährten schon viel durchmachen musste, beruhigte er seine Stimme und mischte keinen Strenge bei. Die beiden setzten sich an einen kleinen Tisch aus Eiche. Ein paar Kirschen lagen noch in einen hölzernen Schale und ein Stück Brot gesellte sich zu diesen. Brychan setzte die Kerze auf die nahe Fensterbank und auch die vom Durchzug beim Öffnen der Tür wild tanzende Flamme kam allmählich zur Ruhe. »Nun, sag schon.«, hakte Brychan nach.

»Eure Hoheit...«

»Seht ihr hier noch andere?«, unterbrach Brychan grinsend.

»Nein«, Drymond schüttelte den Kopf.

»Dann lasst bitte das ‚Eure Hoheit‘ weg, denn ich kann es nicht mehr hören.«, daraufhin nickte der Waldläufer

»Wir haben wahrscheinlich die Quelle gefunden.«

»Wo?«, der junge Graf blickte nun hellwach zu Drymond.

»Die Kanalisation. Wie ihr wisst verfügt die Feborner Kanalisation neben ihren unzähligen Abflussarmen auch über Sickergruben. In der Nähe einer dieser kann man die Sporen förmlich sehen.«

Brychan deutete erschrocken auf Drymonds Kleidung.

»Ich habe sie gewechselt und verbrannt, wie vorgeschrieben.«

»Gut. Von dort führen also viele Arme ab. Dann werden wir sie alle zumauern müssen.«

»Ilwan ist noch da. Ich erkundete mit ihm gut vorbereitet das Netzwerk. Die Heiler gaben uns auf euren Befehl hin die Schnabelmasken mit, welche sich bei Epidemien solcher Art bereits bewährt haben. Ich weiß nicht genau wann es geschah, aber als wir der Sickergrube näher kamen, begann Ilwan wirres Zeug zu erzählen. Auch ich hörte bald seltsame Geräusche und sah Schatten. Ich wollte abbrechen, aber da rannte Ilwan plötzlich los. Er rannte schnurstracks durch die sporige Luft direkt in die Scheiße. Verzeiht!«

»Buchstäblich.«, entgegnete der Graf und ignorierte Somit den eigentlichen Fauxpas gegenüber dem Adel vulgäre Sprache anzuwenden.

»Es ist gut, dass ihr sofort zu mir gekommen seid. Ich will es sehen und dann retten wir auch Ilwan.«

»Aber Eure Hoh… . Ehm, verzeiht. Es ist gefährlich.«, stotterte Drymond.

»Was wäre ich für ein Herrscher, wenn ich von meinen Männern erwarten würde, was ich nicht selbst vollbrächte? Holt weitere Masken und sagt den Heilern, dass sie nicht zu geizig mit den Kräutern sein sollen. Ich werde Fackeln holen und für die weitere Ausrüstung sorgen.«

»Ich fürchte mich.«, gab dann Drymond zu.

»Ich auch, aber wenn wir nicht gehen, werden noch mehr sterben.«, sprach Brychan ruhig und konzentriert. Er bereitete sich innerlich schon auf das bevorstehende vor.

Etwa eine Stunde später befanden sich Brychan und Drymond in voller Montur am derzeit einzigen Zugang zur Feborner Kanalisation, denn alle anderen wurden, insofern sie nicht ohnehin unpassierbar waren, seit den Krankheitsfällen verschlossen, um alle möglichen Epizentren in ihrer Ausbreitung einzudämmen. Sollte sich die Kanalisation tatsächlich als Urquelle des Ausbruchs erweisen, so war dieser Plan zumindest mal nicht falsch gewesen. Die Wache blickte überrascht zu den beiden, welche sich gerade die Schnabelmasken vor ihr Gesicht zogen und im Begriff waren, mit jeweils einer Fackel in der Hand und der üblichen Ausrüstung eines Waldläufers ausgestattet, die allmähliche Morgendämmerung gegen die tiefe und stickige Finsternis der Gewölbe, den unzähligen Abzweigungen und, nicht zuletzt, den schlammigen Sickergruben einzutauschen. Brychan zurrte nochmals an den vielen Riemen, welche die Mitnahme von Köcher, Schwert und einer Tasche mit Arzneien erlaubten. »Ihr haltet den Eingang. Lasst niemanden hinein oder hinaus, außer uns beide natürlich.« Die Wache nickte eifrig nach Brychans Worten und nahm anschließend eine energische Wachhaltung ein, während die beiden über eine schmale Treppe hinabstiegen. Brychan kannte aus seinen Jahren als Schmuggler des Rinaldi-Clans die Kanalisation vielleicht besser als seine heutige Heimat Greifenfels und deshalb brauchte er nicht lange, trotz der kurzen Sichtweite, die ihnen die spärliche Leuchtkraft der Fackel gewährte, sich zu orientieren. Sie waren an einer Gabelung dreier kleiner Gänge durch die immer noch das Wasser floss, welches aus einem unterirdischen Fluss gespeist wurde. »Feborner Architektur. Wenn wir schon Staub sind und auch die Geschichten über uns vergessen sein werden, wird hier noch immer Wasser fließen.«, flüsterte Drymond und Brychan stimmte zu. Mit einem ironischem Unterton bemerkte dieser dann, »Das Wasser wird immer klarer. Es scheint als würde Feborn sich selbst reinigen, wenn man es nur in Ruhe ließe. Aber still jetzt, wir kommen zum Hauptkanal.« Der Hauptkanal war, wie der Name es schon vermuten ließ, der größte und stärksten ausgebaute Teil der hiesigen Kanalisation. Sein Verlauf wandte sich wie eine leicht gekrümmte Schlange durch beinahe die komplette Unterwelt der Ruinenstadt und kam in einigen Vierteln auch zu Tage. Im Norden wurde dieser von dem bereits erwähnten unterirdischen Fluss bewässert, lieferte danach allen Nebenkanälen fließendes Wasser, nahm jenes später von diesen wieder auf und mündete danach im Hafen des Alten Viertels. Das System schien trotz der Trümmer, welche vornehmlich aus den letzten Belagerungen resultierten, weiterhin funktional. Um seine Aufgabe erledigen zu können, war der Hauptkanal ziemlich großzügig angelegt, in Breite wie Höhe, und verfügte darüber hinaus noch über eine Art Uferweg, welcher mit Pfeilern gespickt war, die das Gewölbe trugen. Die Sickergruben wiederum waren Teil der Hauptnebenarme, welche wiederum kleinere Nebenarme besaßen, und diese befanden sich stets in der Nähe des Hauptkanals. Früher hatte sich bis auf das Gesindel, zu denen sich auch der heutige Graf hinzuzählen musste, niemand nach hier unten gewagt, aber es waren für einige, die im Tageslicht nicht soviel Glück hatten, ein Ort, um lohnende, meist illegale, Geschäfte zu machen. Aber trotz all der Halsabschneider, Giftmischer oder Orks, die in den Sickergruben Arenakämpfe austrugen, fürchtete er die heutige Leere und Stille in der Kanalisation mehr, weil das Verderben ihm tückischer vorkam. Sie gingen das Ufer eine Weile entgegen der Fließrichtung entlang und näherten sich der ersten Sickergrube auf hundert Schritt. Da ihre Augen nicht viel sahen, orientierten sie sich vor allem an den Geräuschen, die aber bis auf das Plätschern des Hauptkanals und ihren Fußschritten nur Stille bereit hielten. Als sie am Hauptnebenarm, der zur ersten Sickergrube führte ankamen, horchten sie ein weiteres Mal. Nichts. »Keine Sporen. Vor ein paar Stunden waren hier noch welche.«, stellte verwundert Drymond fest und Brychan zuckte mit den Schultern, »Umso besser für uns.« Sie beschlossen vorsichtig durch das kniehohe Abwasser zu waten, da sie Ilwan und die Quelle nun in der Nähe vermuteten. Doch noch bevor sie die Sickergrube erreichten hörten sie plötzlich ein Wimmern. »Das ist Ilwan.«, flüsterte Drymond, der das Geräusch jedoch wie Brychan aus einer anderen Richtung vernahm. Brychan nickte, »Gut. Zuerst bringen wir Ilwan hier raus und dann kümmern wir uns um die Quelle.«

Drymond und Brychan überquerten den Hauptkanal, der überall über kleinere Brücken verfügte, um die Uferseite in früheren Jahren bei Wartungsgängen wechseln zu können. Danach suchten sie mehrere Nebenkanäle ab, jedoch ohne Erfolg. Zwischendurch glaubten sie, dass sich der wimmernde Ilwan bewege, aber der beträchtliche Schall unter tage war auch durchaus schwer zu deuten. Auf der Suche nach dem Vermissten kamen sie an eine weitere Sickergrube vorbei, die, wie die anderen, von einem größeren Nebenarm der Kanalisation umrundet wurde. »Keine Sporen. Aber vielleicht ist Ilwan dort.«, mutmaßte Brychan leise und deutete auf die steinerne Treppe, welche aus dem nassen zu einer Gittertür führte. »Gut. Ich gehe vor, wenn ihr gestattet.«, sagte Drymond zu seinem Grafen. Dieser nickte zustimmend. Die Sickergruben waren rund wie ein Turm und bis zu 7 Meter tief gebaut, ihr Durchmesser Betrug bis zu 30 Meter. Ein Gewölbe stützte die Konstruktion und von der Mitte der Decke schien ein fahles Mondlicht durch ein Gitter herab. Von der Gittertür konnten sie über einen Holzsteg die komplette Grube von oben besichtigen und zu Teilen ausleuchten. Schnell fiel ihnen aber eine Silhouette auf, die inmitten der Grube im Schlamm zu sitzen schien und einem Menschen nicht unähnlich war. Der Mond beleuchtete den reglosen Körper und die beiden bemerkten, dass das auch Wimmern verstummt war. »Ilwan?«, rief Drymond zunächst zaghaft und dann bestimmter, aber keine Lebenszeichen waren auszumachen. »Ich gehe. Bleibt hier und schenkt mir Licht. Ich will mit dem Feuer nicht zu nah die Scheiße da unten.«, sagte Brychan und drückte dem verdutzten Drymond seine Fackel in die Hand, dem scheinbar das Ungewisse etwas lähmte. Über Leitern ging es nach unten und ein schmatzendes Geräusch war zu hören als Brychan in den Klärschlamm einsank. »Ich werde neue Stiefel brauchen.«, murmelte er vor sich hin, wohl auch, um der widerlichen Szenerie zu entfliehen. Er blickte sich im schwach beleuchteten Areal um und irgendwie wirkte er nicht ganz unzufrieden, dass er nicht mehr sah, denn der widerliche Geruch von faulen Eiern war allgegenwärtig und genügte ihn völlig. Er konzentrierte sich darauf auf den Lichtstrahl und dem Körper zuzugehen. Weiterhin keine Regung. Aus der Nähe sah er, dass der leblose Mensch in schlaffer Haltung saß und eine Schnabelmaske auf dem Schoß liegen hatte. »Ilwan, lebst du?« Was für eine bescheuerte Frage das doch eigentlich war, aber für die Situation war sie wohl irgendwie angemessen. Im nächsten Moment hörte Brychan einen lauten metallischen Knall und er blickte zurück nach oben aus der Richtung des Geräuschs. Die Gittertür war mit einem lauten Rumms zugefallen und Drymond war schon auf dem Weg dorthin um nachzusehen. Als Brychan sich wieder zu Ilwan umdrehte, stand dieser urplötzlich vor ihm und bei genauerem Hinsehen hatte dieser leicht leuchtende violette Augen. »Ilwan? Bei Valo, was bist du?«, Brychan zog sein Schwert und begab sich in verteidigende Haltung. »Mein Herr! Bitte!«, rief dann Drymond, der scheinbar mit einer anderen Person in ängstlicher Stimme sprach. Aus seinen Augenwinkeln sah Brychan tanzende Schatten dort wo er Drymond vermutete, ohne jedoch die stumme Gestalt vor sich aus den Augen zu lassen. Schlürfend kam diese nun dem Grafen entgegen und streckte seine Arme greifend nach ihm aus. Lautes Gepolter und Geschreie begannen weiter oben, welche aber abrupt durch entsetzliches Krächzen und Gurgeln gestoppt wurden. Dann bemerkte er, wie etwas wie ein nasser Sack von oben in den grün-braunen Schlamm fiel und platschend aufkam. Ein paar Spritzer gülleartige Masse kamen bis zu ihm und befleckten sein Haupt. »Bleib da wo du bist, Ilwan. Ich fordere dich auf anzuhalten oder ich werde mein Schwert benutzen.«, befahl Brychan einigermaßen standhaft und konzentriert. Als Ilwan oder wer auch immer das war aber weiter entgegenkam hielt er die Spitze seiner Klinge in die Richtung des von Schlamm besudelten Mannes, der nun noch vielleicht sechs Schritte entfernt war. »Drymond, geht es euch gut? Hört ihr mich? Sagt etwas!«, rief Brychan nach hinten und hoffte auf eine positive Resonanz. Als diese jedoch ausblieb ging er langsam rückwärts zur Leiter, um eine Konfrontation auf diesem teils rutschigen Untergrund zu vermeiden. Dabei entfernte er sich nun von seinem Gegenüber, der ihm allmählich wie ein Monster aus einem Horrorgemälde vorkam, das er irgendwann mal in Feborn gesehen hatte. Nur zwei Schritte waren es noch zur Leiter, als die Gestalt, welche nun aufgrund des wenigen Lichts wieder stärker vom Schatten verborgen war, auf ihn zu stürmte. Brychan drehte sich um, sprang mit einem Satz auf die Sprossen der Leiter und kletterte eilig hinauf. Er erwartete dabei jederzeit von den Händen gepackt zu werden, doch das blieb ihm erspart. Schließlich erreichte er die Holzelemente, blickte sich geschwind nach potenziellen Gefahren um und als er nichts derartiges wahrnahm, inspizierte er die Grube von oben. Zu seiner Verwunderung war von diesem Monster im Schlamm, oder dem wahnsinnigen Ilwan, nichts mehr zu sehen, was ihm zwar etwas Erleichterung verschaffte, aber auch ein flaues Gefühl, weil es nicht wahr sein konnte. Doch die Zeit der Vergewisserung würde noch kommen und nun musste er erstmal herausfinden was hier oben in der Zwischenzeit geschehen war und was aus Drymond geworden war. Auf dem ersten Blick sah er nur eine Fackel auf dem Holzboden leuchten. Bei genauerem Hinsehen krümmte sich jedoch sein Magen um, weil die brennende Fackel in der Handeines abgetrennten Arms lag. Ein weiteres Mal durchsuchte er die Grube und hoffte vergeblich auf ein Lebenszeichen von Drymond. Er ging zur Fackel und löste vorsichtig, inklusive einiger Würgereflexe seinerseits, den blutigen Arm von dieser. Dann hob er sie auf und leuchtete seine nähere Umgebung ab. Er erschrak heftig als er an der Wand eine schwarze Katzengestalt sah, deren Schwanz mit Widerhaken versehen war. »Na, hast du Blut geleckt.«, zischte sie wie eine Echse und Brychans Mund stand weit offen, denn sowas hatte er beileibe noch nie gesehen und dazu sprach es auch noch.

Brychan befahl sich energisch den Verstand beisammen zu halten, blinzelte aber noch zwei mal, weil er einen Fehler in seiner Wahrnehmung nicht ausschließen wollte. Dann musterte er die schwarze Katze eindringlicher, denn daran erinnerte das sprechende Wesen durchaus. Neben den von Widerhaken besetzten Schwanz, war der Kopf aber, bis auf die spitzen Raubtierohren, nicht wirklich aus der Familie der Felidae, denn das Maul war eher affenartig konstituiert und die Augen, naja, es besaß nur ein sehr großes in der Mitte. Weitere Details waren aufgrund der Schwärze des Wesen und des wenigen Lichts in dessen Nähe nicht zu erkennen. »Was bist du und wo ist Drymond?«, fragte er ungewöhnlich betont, um wohl auch seine Furcht etwas zu verbergen, was ihm aber nicht sonderlich gut gelang. Darüber hinaus kannte wohl sein Unterbewusstsein die Antwort auf die zweite Frage bereits, weshalb diese überflüssig erschien. Er richtete sein Schwert auf das Wesen als jenes von der Wand auf den Holzsteg sprang und sich allmählich näherte. »Ich bin Sigon, Blutbefleckter.«, zischte das Wesen und stoppte etwa vier Schritt vor Brychan. »Dein Freund? Sag du es mir.«, forderte Sigon in provokanten Ton und Strich mit einer Klaue über seine Kehle, »Du hast ihn umgebracht.«, sagte es und die Furcht in Brychans Adern wandelte sich zu Zorn. Seine Hände umschlossen sein Schwertheft nun noch stärker und er machte sich bereit, »Das wirst du büßen, du Monster.«, fügte er an. Brychan zog sein Schwert zurück, holte seitlich aus und ließ es auf die Kreatur zu schnellen. Zunächst schien das präzise Manöver seinen Gegner treffen zu können, aber Sigon wich im letzten Moment gekonnt aus indem er mit einem gewaltigen Satz an das Deckengewölbe sprang und von dort nun wie eine Fledermaus hängend auf Brychan hinab blickte. Sigon schnalzte mit der Zunge verächtlich, woraufhin Brychan geschwind seinen Bogen ergriff, einen Pfeil aus seinen Köcher zog und diesem zielsicher abfeuerte. Doch wieder offenbarten die Reflexe des katzenartigen Tieres keine Schwachstelle und der Pfeil zerschellte mit einem hölzernen Laut. Die nächsten Minuten waren eine kleine Hetzjagd aus Schwertschlägen und wenigen Pfeilabschüssen. Erst als der Köcher leer war und Brychans Kondition zu schwinden begann, legten die beiden eine Pause ein. »Na gut, was willst du?«, keuchte Brychan schwer atmend. »Gar nicht so viel.«, antwortete Sigon ruhig und scheinbar in bester Verfassung. »Du besitzt etwas, was uns gehört. Wenn du es behalten willst, musst du es verstehen.«

»Ich will es nicht.«

»Oh, dann hättest du es längst entsorgt. Und ich weiß, du hast es schon öfters probiert, aber immer wieder hast du es dir anders überlegt. Du hättest es dort liegen lassen sollen, wo du es gefunden hast, aber es war Dir bestimmt es zu finden. Gräme dich also nicht, es ist Schicksal.«

»Warum hast du Drymond umgebracht?«, Zorn mischte sich der erschöpften Stimme bei.

»Ich?«, fragte er scheinbar verwundert über Brychans Vorwurf, »Manche Dinge können aufgehalten werden, manche nicht. Betrauere nicht die Toten, sondern Sorge dich um die Lebenden.«

»Was meinst du damit?«, eine kalte Schauer lief Brychan den Rücken hinunter. Instinktiv dachte er an seine geliebte Frau und das ungeborene Kind, sein eigenes Kind aus seinem eigenen Blut. Seit einiger Zeit endeten die Träume von seiner jungen Familie immer schlecht. Sein Sohn, der mit dem Holzschwert gegen ihn noch um die Nachspeise focht, lag meist kurz darauf im Krankenbett und litt an den Symptomen der Sporenerkrankung. Manchmal sah er sogar sich und Friis bei der Bestattung des eigenen Kindes. »Feborn ist verloren, aber dein Kind ist es nicht.«, sagte Sigon nun beinahe mitfühlend, aber sicherlich war dies kein Mitgefühl, und als hätte er seine Gedanken geahnt. Eine leise Wehmut erfasste Brychan und er ließ kraftlos sein Schwert auf den Holzsteg fallen. Im nächsten Moment entmaterialisierte sich Sigon zu einer Staubwolke, welche sich daraufhin durch das Gitter der Sickergrube nach draußen verzog.

Nun blinzelte Brychan ungläubig und ging vor lauter Erschöpfung stöhnend auf die Knie. Die aufgehende Sonne erhellte durch das kleine Gitter in der Mitte des Raumes die Sickergrube allmählich. Er blickte auf seine blutverschmierten Hände und begann kurz darauf zu realisieren, dass er weder dem Monster im Schlamm noch dem Dämon auch nur ein Haar gekrümmt hatte. Woher kam also das ganze Blut? Hatte Sigon ihn irgendwo erwischt? Er tastete sich vorsichtig ab, aber bis auf übelriechenden Klärschlamm war auch an ihm nichts dran. Ein trapezförmiger Sonnenstrahl erhellte eine Seite der Grube etwas schneller und Brychan sah dort auch Drymond reglos liegen. Der Graf richtete sich auf, nahm sein Schwert, schaute nach dem Monster, welches jedoch nicht zu sehen war, und kletterte daraufhin hinunter. Als er unten ankam, musste er feststellen, dass nur er und Drymond in der Grube waren, denn konnte nun den ganzen Bereich überblicken. Aber wo war es hin? Es konnte nirgendwo hin sich verstecken. Weil Brychan sich weiterhin keinen Reim darauf machen konnte, beschloss er die Abwesenheit der Kreatur, die ja eigentlich der Vermisste war, dafür zu nutzen, um nun endlich nach Drymond zu schauen.


Drymond war jedoch schon tot. Brychan hatte es bereits vermutet, denn keinerlei Lebenszeichen waren von ihm in der ganzen Zeit zu vernehmen und als er ihn aus der Nähe sah, war es bitte Gewissheit geworden. Der Waldläufer lag auf dem Bauch und der Kopf war gerade noch so weit seitlich gedreht, sodass Drymond hätte atmen könne, wenn dieser noch dazu in der Lage gewesen wäre. Bei genauerem Hinsehen war die Kehle von etwas scharfem durchtrennt worden, da der Schnitt sehr sauber war. Das Blut wiederum war zu großen Teilen schon geronnen. »Bei Valo, wie lange habe ich gekämpft?«, entfuhr es Brychan. Dann bemerkte er ein sauberes und zusammengerolltes Stück Papier, welches offensichtlich nachträglich und deutlich sichtbar an Drymond befestigt worden war. Ohne sich weitere Fragen, wie das überhaupt möglich war, nahm er das Papier.

»Ich grüße Euch, Brychan, Blutbefleckter,

bitte verzeiht meinen Hang zur Dramaturgie und die damit verbundenen Umstände, die Euch somit zuteil werden. Wir wurden gewissermaßen gemeinsam auserwählt und somit bindet uns gleichzeitig das unheilige Schicksal aneinander. Ihr fragt Euch sicher, wer ich bin, aber das ist leider nicht so einfach zu beantworten.

Ihr habt vor einigen Monden einen schwarzen Splitter genommen und Ihr habt bereits verstanden, dass es sich dabei nicht um einen gewöhnlichen Stein handelt. Der Splitter ist ein Fluch, den ihr aber als Segen betrachten solltet. Ich tue das jedenfalls, denn er hat die Macht über Leben und Tod zu entscheiden und schenkt sie uns. Zudem hat er Euch die Zukunft in Euren Träumen gezeigt und die sieht nicht sonderlich rosig aus, nicht wahr? Doch mit diesem Wissen können wir die Zukunft ändern und ich werde Euch helfen, wenn Ihr mir helft.

Ich werde Euch kontaktieren.

Hochachtungsvoll, der Seher.«

Tränen und das Gefühl von Machtlosigkeit stiegen in ihm auf. Sein Schwert hatte auch Blut an der Klinge und allmählich beschlich ihn ein unheimliches Gefühl. Hatte er Drymond umgebracht? Konnte das Monster deshalb spurlos verschwinden, weil es nie da war? Und was war mit Sigon, existierte der Dämon? Wer ist der Seher? Er betastete den Brief mit seinen Händen. Es fühlte sich so real an, alles was geschehen war. Dann musste es das wohl auch sein, real. Aber er konnte nicht riskieren, mit dem Mord in Verbindung gebracht zu werden, denn er hatte fremdes Blut an sich.


Im nächsten Moment klopfte es dumpf und dann immer lauter. Die Welt um ihn herum, die Sickergrube, zerfiel in milliarden Scherben. Er öffnete seine Augen und bemerkte wie er schweißgebadet in seinem Bett lag. »Ein Traum. Bei Valo, ein Traum.«, Brychan war direkt hellwach und musterte das ihm vertraute Umfeld. Er war im Schlafzimmer des Weingutes in der Nähe von Greifenfels. Neben ihm lag Friis, schwanger und wunderhübsch wie eh und je. »Was ist da los?«, fragte sie müde und erschöpft. Dann dröhnte es durch die Tür, »Mein Herr, man hat Drymond Richtmund ermordet in der Feborner Kanalisation gefunden.« War es nur ein Traum?

Monate waren nun schon ins Land gegangen und ständig beschäftigten ihn die Ereignisse in jener Nacht, als sein Gefährte Drymond in der Kanalisation tot aufgefunden war und er in der selben Nacht davon geträumt hatte. Es hatte sich so echt angefühlt und doch gab es keine Hinweise darauf, oder gab es überhaupt die Möglichkeit, dass er in jener Nacht in Feborn gewesen war. In den Stunden und Tagen darauf versicherte er sich dessen durch vorsichtige Investigation bei seiner Frau und auch bei den Leibwächtern im Patrimonio, die jedoch allesamt bestätigten, dass er schon über eine Woche in Greifenfels gewesen war und Königsstadt auch nicht verlassen hatte. Den abgesplitterten Stein mit der violetten Maserung hatte er in einer privaten Truhe in seinem Arbeitszimmer verstaut und hielt ihn selbst vor seiner großen Liebe verborgen. Die Träume, die seinen Sohn zeigten und die nie gut endeten waren immer intensiver geworden, sodass ihm zunehmend erholsamer Schlaf fehlte und er ungehaltener gegenüber Untergebenen wurde. Zudem zerrte der Stress rund um Avenur, dessen Wiederaufbau sich weiterhin zu einer riesigen Farce entwickelte, ebenfalls an seinem Gemüt. Sein Zustand heiterte sich erst auf als Friis einen Sohn gebar und zu seiner Überraschung auch noch eine Tochter. Zum Einen verschafften ihm die Vaterfreuden etwas mehr Frohsinn und zum Anderen die damit verbundene Schlussfolgerung, dass es sich bei seinen Träumen vielleicht doch nicht um Visionen gehandelt habe, denn von einer Tochter hatte er nie geträumt.

Eines nachts wachte Brychan schweißgebadet auf. Wieder einer dieser Träume, die ihn kaum zur Ruhe kommen ließen. Sie ließen nicht von ihn ab und er vermochte es ebenso nicht sich an sie zu gewöhnen. Er richtete sich auf und sah Friis, die Mutter seiner wundervollen Tochter Berga und seines wundervollen Sohnes Ortwinn, friedlich schlafen. Eine Mutter zu sein beschäftigte sie den ganzen Tag, doch die Stille der Nacht gehörte ihr solange der Nachwuchs nicht nach ihrer Brust verlangte. Da die Schlafzeiten sich aber schon spürbar ausdehnten, stellte sich allmählich eine gewisse Gelassenheit bei Friis ein. Brychan wiederum belastete die erweiterte Nachtruhe, da diese mehr Raum für die fürchterlichen Träume frei räumte. Unbehagen umklammerte ihn wie ein kalter Griff, wenn er an jedem Abend zurück dachte als er diesen Traum, nein, diese Vision hatte, die unmittelbar Wirklichkeit wurde und in einem Mord endete. In seinem Innersten wusste er, dass er irgendwie dort war, wenn auch physisch ausgeschlossen. Ein Knarzen riss ihn aus seinen Gedanken, es kam aus dem kleinen Nebenraum indem seine Kinder schliefen. Die Tür war offen und er blickte mit verengten Augen in das provisorische Kinderzimmer, welches jedoch von der Dunkelheit der Nacht erfüllt war. Wieder machte sich ein Knarzen bemerkbar und es klang, als schlich jemand über den alten Holzboden. Brychan richtete sich auf, nahm einen Dolch aus der Kommode sowie die kleine Kerze auf dem Beistelltisch und begab sich vorsichtig in den Nebenraum. Mit der Kerze voran erhellte er das Kinderzimmer mit einem flackernden Licht. Schatten wanderten umher, die jedoch von ihm selbst und den Gegenständen im Raum erzeugt wurden. Niemand war da. Also blickte er in die Wiege und sah seine Kinder, ähnlich der Mutter, friedlich schlafen. Also senkte er den Dolch und drehte sich um, als plötzlich das Knarzen aus dem Schlafzimmer ertönte. Wieder hob er die Kerze als auch den Dolch an und suchte das eheliche Gemach ab. Niemand war da und so riskierte er mit der Kerze einen Blick zu Friis, die zu seiner Verwunderung vom Gewühl nicht aufgewacht war. Doch was er sah konnte er nicht glauben, denn es schien als seien seiner Frau zwei Ziegenhörner aus der Stirn gewachsen und bei genauerem hinsehen wurde ihm bewusst, dass es gar nicht Friis war, die dort im Bett lag. Eine Fremde lag dort anstelle seine Frau und öffnete just in diesem Moment ihre verführerischen Augen.

"Verdammt was soll das? Ist das wieder ein Streich?", klang Brychan nun verärgert, aber reflexartig gedämmt, um seine Kinder nicht zu wecken. Die Frau zog die Bettdecke weg und Brychan sah, wie diese sich ohne auf ihn einzugehen nackt auf seinem Ehebett räkelte und sich dabei an ihren wohlgeformten Brüsten streichelte. "Wo ist meine Frau?", fragte der verdutzte Graf und ein wenig Panik schwang in seinen Worten mit. Galant und mit Schwung richtete sich die gehörnte Frau auf. Ihr schwarzen Haare flogen von ihrem Rücken in einer Welle über ihre rechte Schulter und bedeckte dann ihre rechten Brust zu Teilen. Nun saß sie auf dem Bett direkt vor ihm, stützte sich nach hinten ab und machte ihre Beine breit. Brychan stieg die Schamesröte ins Gesicht bei dem tiefen Einblick, den er unkontrolliert gar ein wenig genoss. Die Frau hatte die perfekten Proportionen und das Antlitz einer wahren Schönheit, sodass nicht mal die Hörner den Anblick störten. "Ich bin deine Priesterin. Ich bin Friis.", stöhnte sie zu Brychan, der verdutzt mitten im Zimmer stand und augenscheinlich nicht wusste was er tun sollte. "Wähle mich.", fügte sie an.

Brychan schüttelte sich, zeigte mit der Spitze seines Dolches auf das Wesen mit den Hörnern und sagte, „Das ist wieder ein Traum, nicht wahr? Wie der vor einiger Zeit in der Kanalisation von Feborn, wenn ich wetten müsste.“ Doch ohne eine Antwort abzuwarten ging er rückwärts zur Wiege seiner Kinder, um sie zu schützen falls es kein Traum war oder dieser wieder wahr werden würde, wenn es einer war. Er riskierte einen Blick und stellte fest, dass die Wiege leer war. Als er wieder nach vorne sah, war die dunkle Schönheit direkt vor ihm und blickte ihn für einen Augenblick mit pechschwarzen Augen an, die sich nach einem Blinzeln in die Augen seiner Frau zu verwandeln schienen. „Ein Traum also.“, sagte Brychan zu sich und dennoch beruhigte ihn diese vermeintliche Erkenntnis nicht wirklich. Das Wesen, welches seiner Einschätzung nach auf die Beschreibung eines Dämons, präziser gesagt auf einen Sukkubus passte, die den Mythen nach Männer im Schlaf aufzusuchen pflegten, legte ihren Kopf wie eine neugierige Hündin schief. “Ein Traum?”, fragte sie anrüchigen Tones, “Wünschst Du Dir nicht es wäre was anderes?” “Ich bin meiner Frau treu.”, schluckte er. “Ich kann dein Herz lesen.” flüsterte sie ihm entgegen, kam etwas näher und berührte Brychan auf seinen Brustkorb, der sich von der Atmung hebte und senkte. Sein Herz begann wie wild zu klopfen. Sie schloss ihre Augen, biss auf ihre Lippen und knurrte als gefiele ihr was sie spürte. “Wer bist du?”, wiederholte er die Frage, die er bisher nicht aussprach, aber schon lange im Raum stand. “Die Männer von heute. Erst wollen sie reden.”, klang sie fast schon beleidigt, drehte sich um und ging geradewegs zu einem der beiden Stühle im Zimmer. Brychan gelang es beim Anblick ihres Rücken und ihres weiblichen Hinterns kaum die Erregung im Zaum zu halten. Dann folgte er ihr, den Dolch fest in seiner Hand.

“Es fühlt sich so echt an, wie vor einigen Wochen.”, begann die Brychan die Unterhaltung. “Dann ist es echt.”, antworte sie fast schon gelangweilt. “Wer bist du?”, fragte er nochmals und sie wich aus in dem sie Wein, der in einem Krug auf dem Tisch stand, in zwei Kelche füllte und vor sich sowie Brychan positionierte. “Ich bin Nagi, wer bist du?”, sie kicherte. “Ich glaube Du weißt wer ich bin, sonst wärst du nicht hier.”, sagte der junge Graf und trank einen guten Schluck aus dem Kelch. “Ich weiß wer du bist, aber ich bin mir nicht sicher ob du es weißt.”, sie nahm auch einen Schluck, wobei ihr etwas Wein aus dem Mundwinkel hinunter über ihre üppige Brust lief. Brychan sah das, konnte nicht wegsehen und ihm wurde heiß. “Dir gefällt was du siehst, nicht wahr? Warum nimmst du mich dann nicht?”, kokettierte sie mit seinem Unterbewusstsein. “Warst du das in Feborn?”, fragte er entschlossen und kämpfte gegen eine Art männlichen Kontrollverlust an. Nagi lachte grazil, “Nein. Das war jemand anderes.” “Das Wesen nannte sich Sigon und was ihm Traum geschah, geschah auch in der Realität.” “War das dann ein Traum?”, sie nahm einen weiteren Schluck ohne diesmal zu kleckern, bewegte ihren freien Arm unter den Tisch und schien sich in ihrem Schritt zu berühren. Sie stöhnte auf. “Nimm mich!”, befahl sie ihm fast schon und stöhnte anschließend auf. Verdutzt beobachtete Brychan das treiben, welches sich einige Sekunden vor ihm abspielte. Sie wiederholte die Worte immer wieder. Dann schien es Brychan als hätte er die passende Taktik, auch wenn diese womöglich vom Wein beeinflusst war, der überraschend stark war. “Gut.”, stimmte er zu und Nagi fokussierte sich sofort auf ihn, “Wenn Du mir erzählst was hier vor sich geht.” Sie lachte leise und nickte dann. Ihre Brüste wippten als sie sich vor lehnte und mit ihren Armen auf den Tisch abstützte. “Du hast einen Stein vor einiger Zeit in der Menschenstadt gefunden. Dieser ist ein Konjunktionsschlüssel zu einer anderen Welt. Wesen mit unfassbarer Macht, ihr würdet sie Götter nennen, leben dort und möchten in diese Welt. Sie buhlen um euch und geben euch Geschenke.”, dann deutete sie auf sich und ihren erotischen Anblick, was wohl zu bedeuten hatte, dass sie auch ein Geschenk war. “Wozu brauchen sie mich?”, hakte Brychan nach, den es immer schwerer fiel bei klarem Gedanken zu bleiben. “Nun, es gibt mehrere Konjunktionsschlüssel, auch Nexen genannt, und den Göttern gelingt es auch durch diese psychisch Einfluss zu nehmen, aber um physisch präsent zu sein, müssen die Nexen durch ein Ritual einen von ihnen geweiht werden. Und ihr müsst euch entscheiden.” “Wieso sollte ich? Ich habe mich vor einiger Zeit Valo verschrieben und das klingt fürchterlich nach den Machenschaften von Giza.” Nach diesen Worten des Grafen grinste Nagi, “Es steht nicht mehr in Eurer Macht über das ‘ob’ zu entscheiden. Eine Wahl ist unausweichlich und diese wird euer Leben verändern.” Dann stand sie auf, ging um den Tisch und zog Brychan an den Händen hoch, der es wie verzaubert geschehen ließ.

Der Graf spürte wie Begierde und zur gleichen Zeit Schuld in ihm aufstieg, als er etwas überrumpelt zuließ, dass sie mit ihren vollen Lippen die seinen berührte und ihn zärtlich küsste. Blitze durchzuckten ihn vor Erregung, sodass er es nicht nur für einen Moment zu ließ und sogar erwiderte. Er war gewissermaßen wehrlos und ließ sie zuerst an seinem Hals lecken, dann an seine Brustwarzen knabbern und schließlich kniete sie vor ihm um ihren Kopf Richtung seines Gemächts zu bewegen. Brychan genoss den Akt, der daraufhin ins eheliche Bett verschoben wurde. Sie trieben es wild wie die Tiere und zum Schluss ritt sie ihn mit schnellen Bewegungen bis er schließlich seinen Höhepunkt hatte. Doch just in diesem Moment des Hochgefühls, nahm sie seinen Dolch, der auf der Nachtkommode lag und ihrer Reichweite war, und rammte diesen in seinen Brustkorb. Schmerz und Entsetzen stiegen in ihm hoch. Mit unbändiger Kraft schlitze sie ihn auf, mit einem kräftigen Schlag zertrümmerte sie seine Rippen und riss dann sein Herz hinaus. Der unmenschliche Schmerz wich dem Schock und er wurde schnell schwächer. Aber er sah noch wie sie in sein pochendes und blutiges Herz genüsslich biss. Dann war alles schwarz.

Schweißgebadet und mit einem stumpfen Schmerz wachte Brychan im nächsten Moment auf. Etwas verwirrt bemerkte zunächst gar nicht, dass ein Dolch etwa eine Armlänge von ihm entfernt auf ihn zeigte. Er pustete durch, kniff ein wenig die Augen zusammen und sah, dass es Friis war. „Was zum… Friis?“, „Was ist mit dir los?“, schreite sie aufgeregt und weinend. „Du schlafwandelst durch unsere Gemächer, sprichst mit dir selbst und stehst mit einem Dolch vor unseren Kindern.“ Im Kerzenschein sah er, wie reichlich Tränen über ihre Wangen liefen. Brychan stritt dies nicht ab, weil er sich gut vorstellen konnte, dass der intensive Traum ihn dazu gebracht hatte. Hysterisch führte Friis dann weiter aus, „Dann legst du dich in unser Bett und fickst im Traum lauthals eine Hure. Wer ist sie? Wer ist diese Nagi, deren Namen du voller Inbrunst geschrien hast? Triffst du sie heimlich, während ich mich um unsere Kinder kümmere und die liebe Hausfrau bin?“

„Es ist nicht wie du…“, begann Brychan abwehrend und wurde sofort durch ein Fauchen seiner Frau gebremst, „Wag‘ es ja nicht diesen Satz zu beenden.“ Er setzte sich auf und distanzierte sich so ein paar Zentimeter vom Dolch. „Ich erzähl dir alles, aber bitte leg die Waffe weg oder was bezweckst du damit?“ Friis‘ Hysterie legte sich ein wenig und weitere Tränen rollten über ihre Wangen, die im Kerzenschein leicht glitzerten. Ihr Arm erschlaffte und sie senkte den Dolch ein wenig. „Ich habe einen Fehler gemacht.“, begann Brychan denkbar ungünstig, da nun wieder Wut in ihr Aufstieg und der Dolch wieder näher rückte. Schnell schob er hinterher, „Ich hätte dir sofort sagen müssen was mir in den letzten Wochen widerfuhr. Ich habe keine Geliebte, Friis. Bitte, glaub mir. Ich liebe nur dich und unsere wundervollen Kinder.“ Da die Worte scheinbar so ehrlich klangen wie sie waren, beruhigte es Friis und sie legte den Dolch auf ihren Schoß nachdem sie sich zu ihm auf das Bett setzte. Sie blickte ihm tief in die Augen und das schenkte ihn für einen Moment Geborgenheit. „Erzähl mir alles und lass nichts aus.“, flüsterte sie ruhig und griff nach seiner Hand. Dann begann er...

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