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Mit langsamen Schritten tritt Cyrael aus dem Dickicht des Waldes heraus und hält einen Moment inne. Vor ihm tut sich ein kleines Tal auf. Einzelne Bäume, umschwirrt von Schmetterlingen, spenden in der Nachmittagssonne Schatten. Ein kleiner Bach plätschert aus dem Wald ins Tal hinab, zieht eine silbrige Linie durch ein Feld aus wildem Getreide und langen Gräsern, und mündet dann in einen kleinen Teich. Etwas oberhalb des Tümpels steht eine einzelne, große Eiche auf einer kleinen Anhöhe, und überblickt von dort die Ebene.

Der Waldelf mochte den Spätsommer schon immer am liebsten. Es ist die Zeit, in der er gemeinsam mit seinen Geschwistern die erste Ernte einfuhr. Er liebt die Leichtigkeit, die all das Leben in dieser Periode innehat. Die Wälder schmücken sich wie zu einem Festtag in den schönsten Farben und selbst die verhärmtesten Dorfältesten zeigen ein Lächeln - froh darüber, dass die Hitze endlich nachließ und der Alkohol am Ende des Tages reichlicher floss als sonst. Ein bitteres Lächeln umspielt die Lippen Cyraels. Trotz der Schönheit des Tals und der Erinnerungen, die ihm beim Anblick des goldenen Getreides und des Baches ergreifen, hat das Zirpen der Grillen einen tiefen, bedrohlichen Unterton. Das Plätschern des Baches klingt wie ein leises Schluchzen und das Rauschen des Windes erinnert ihn eher an das tiefe Seufzen eines Trauernden, als an die unbeschwerten Tage im Dorf.

Kurz wendet sich der Elf nach dem Waldrand um. Er ist der Meinung, einen Augenblick lang einige Gesichter zwischen den Zweigen gesehen zu haben. Wie zum Gruß hebt er mit der Rechten seine langstielige Streitaxt und schreitet sich dann beherzt auf den Hügel zu. Cyraels Marodeure würden das Tal in Kürze verlassen und in einiger Entfernung ein Lager aufschlagen. Erst am nächsten Morgen, so hatte er ihnen eingeschärft, dürften sie zurückkehren.

Je näher der Elf an den Baum herankommt, desto langsamer geht er. Mit der linken Hand streicht er im Gehen durch die Gräser. Seine Gedanken drehen sich wieder um die längst vergangenen Sommer im Dorf. Inzwischen kommt ihm diese Zeit wie ein weit entfernter Traum vor. Die Gesichter seiner Familienmitglieder verschwinden immer mehr hinter dem Schleier des Vergessens. Die Augenblicke, in denen er das Lächeln seiner Schwester oder die Lachfalten seines Vater in seiner eigenen Reflektion im Wasser erkannte, werden immer seltener.

Als Cyrael die alte Eiche erreicht, lehnt er seine Axt am Stamm an. Er blickt sich um. Der Boden auf der kleinen Anhöhe ist von der Sommersonne festgebacken. Das Gras ist im näheren Umkreis des Baumes kürzer und gibt teilweise den Blick auf den unter der Erde liegenden Fels frei.
Behutsam legt Cyrael auch seine bis dahin auf dem Rücken getragene Rüstung in der Nähe des Stammes ab. Die Rüstung, eine wilde Mischung aus Elfen- und Menschenrüstung, weist bereits zahlreiche Schrammen und blinde Flecken auf. Einzig die silbernen Schnallen und Ornamente sind frisch poliert. Der Elf lässt sich am Fuß der Eiche nieder und beginnt das Blatt seiner Streitaxt mit einem kleinen Schleifstein zu schärfen. Nicht jeder seiner Kameraden kann seine Vorliebe für die langstielige Elfenaxt nachvollziehen, denkt sich Cyrael, während er den einschneidigen Axtkopf näher betrachtet. Doch die Axt ist leichter als die menschliche Variante, weshalb man mit relativ geringem Kraftaufwand wuchtige Hiebe ausführen konnte. Zudem eignet sich die zum Stiel hin gebogene Schneide optimal, um Sachen an sich heranzuziehen. So lässt sich beispielsweise ein berittener Kontrahent leicht zu Boden ziehen oder mit etwas Geschick sogar entwaffnen. Und eine Axt eignet sich im Notfall viel eher zum Werkzeug als ein filigran gearbeitetes Schwert, dass bei falscher Handhabung in tausend Teile zerbricht.

Cyrael schaut erst auf, als der Schatten der Baumwipfel über sein Gesicht wandert. Die Sonne steht nun knapp über dem Horizont und in seinem Rücken hat der Himmel bereits ein tiefes Blau angenommen. Der Mond ist indes noch nicht zu sehen, aber wenn seine Berechnungen stimmen, sollte sich der bleiche Trabant gegen Mitternacht zeigen. Der Waldelf beginnt, sich langsam die Rüstung anzulegen, als ihn eine Bewegung am anderen Ende des Tals aufblicken lässt. Aus dem dunklen Grün des Waldes lösen sich erst eine, dann zwei, dann immer mehr Gestalten. Diese verharren jedoch nur wenige Meter außerhalb des Waldrandes. Nur eine Gestalt nähert sich weiter. Die letzten Strahlen, die die Sonne an diesem Tag in das kleine Tal wirft, tauchen die Rüstung des sich Nähernden in einen Farbton, der zwischen einem ausglimmenden Feuer und rotem Granit einzuordnen ist.

Langsam richtet sich Cyrael auf, dem Gerüsteten erwartungsvoll entgegenblickend. Irgendwo in der Bauchgegend des Waldelfen bildet sich ein Knoten und ein Gefühl der Anspannung macht sich im ganzen Körper breit, als sich sein Blick zum ersten Mal mit dem des Neuankömmlings trifft.

Sein Weg hatte in den letzten Monaten vermehrt den seines Bruders gekreuzt, doch die anfängliche Freude des Wiedersehens hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Seitdem die beiden Brüder vor einigen Jahren bei einem nächtlichen Gemenge mit Schläferbefallenen getrennt wurden, glaubte Cyrael den Bruder lange tot. Doch die Erkenntnis, wie tief die letzten Jahre den Graben zwischen ihm und seinen Bruder gerissen hatten, betrübte ihn fast noch mehr als der bloße Gedanke an den vermeintlichen Tod des Bruders.

Eine Mischung aus Zorn und Anspannung lassen die Lippen des Waldelfen zu zwei dünnen Strichen, sodass er dem Bruder nur kurz zunickt, als er den Hügel erklimmt und neben der Eiche stehen bleibt. Dieser nickt Cyrael ebenfalls zu und winkt in die Richtung, aus der er gekommen ist. Zur Antwort ertönen einige heißere Schlachtrufe. Nun würden sich auch die Plünderer des Bruders aus dem Tal zurückziehen.

Cyraels Bruder Taël hat ähnlich dichtes, schwarzes Haar. Doch während Cyrael sein Haar kurz trägt und es mit Hilfe eines ledernen Stirnbandes aus dem Gesicht hält, hat Taël recht langes, offenes Haar. Insgesamt entspricht die Erscheinung Taëls viel eher den Erwartungen, die man an einen Elfen stellt. Seine Gestalt ist weniger gedrungen als die Cyraels und seine Gesichtszüge haben jene Erhabenheit, die sich bei den jungen Elfenfrauen großer Beliebtheit erfreuen. Zudem besteht Taëls Rüstung rein aus elfischem Schmiedewerk. Dünne, scheinbar gewichtslose Panzerplatten schmiegen sich an den Körper des Bruders.

Mit einem leichten Klappern lässt Taël ein zusammengerolltes Bündel neben der elfischen Kriegsaxt ins Gras fallen. Neben der eindeutig erkennbaren Form des Bogens erblickt Cyrael zwei Schwertgriffe, die unter dem Wildleder hervorlugen. Taël nimmt einen weiteren, kleinen Beutel vom Gürtel und lässt sich neben dem Bruder nieder, der sich inzwischen ins Gras gesetzt hat. Gemeinsam, schweigend, und in die friedliche Einsamkeit des kleinen Tals blickend, nehmen die beiden Elfen ihr Abendessen zu sich.

Schließlich, es sind einige Stunden vergangen, erhebt sich der volle Mond hinter den Baumwipfeln der nächstgelegen Anhöhen. Die leichenfahle Kugel liegt schlummernd in dunstigen Wolken, wie in Leichentücher gehüllt. In Nächten wie diesen, denkt sich Cyrael, gehen die Götter auf Seelenernte. Noch nie hat er erlebt, dass die Welt so nach frisch vergossenem Blut schreit. Etwas erschreckt von seinem Gedanken steht der Elf mit einem Ruck auf. Die Ruhe, die ihm sonst so friedlich vorkommt, macht ihn nervös.

Taël erhebt sich ebenfalls. Jetzt, im Mondlicht, wirkt das Gesicht des Bruders müde und eingefallen. Fast geflüstert sind die ersten Worte, die Cyrael an Taël wendet: "Sannaëa?" Bei dem Namen seiner Frau blitzen Taëls Augen kurz auf. Stumm schüttelt er den Kopf.

Etwas zögerlich greif Cyrael nach seiner Streitaxt. Sie wiegt schwerer als sonst und auch seine Rüstung erscheint ihm ungewohnt. Ein Kampf hat nichts heldenhaftes an sich, denkt Cyrael, während er dem Bruder zusieht, wie dieser das Bündel aufrollt und die beiden Elfenklingen in die Hand nimmt. Es mag etwas poetisches haben, wenn Bruder gegen Bruder kämpft, aber letzten Endes ging es nicht um Ehre, die Hand einer begehrten Frau oder irgendeinen moralischen Kodex, sondern um das nackte Überleben der eigenen Gruppe. Schon zu viel Kraft hat es gekostet, die bisherigen Reibereien zwischen den verfeindeten Marodeursgruppen zu überstehen. Dieser Kampf würde entscheiden, welche Gruppe gen Norden, wo das Überleben schwerer ist, ziehen muss.

Taël geht gegenüber in Stellung. Das Schwert in seiner Linken war kürzer und etwas wuchtiger als das in seiner Rechten. "Tanzen wir!" Taël spuckte die Worte geradezu auf den Boden vor Cyrael. Dieser lies die Axt kurz kreisen und bewegt sich auf seinen Gegner zu. Der Bruder setzt zu einem Wirbel aus Klingen an. Cyrael blockt mehrere Streiche mit dem Griff seiner Axt, doch er spürt auch, wie die Schwerter seine Schulterplatten und den Harnisch bearbeiten. Sein Bruder war schon immer ein armseliger Angeber, sagte sich Cyrael, während er seine Waffe in die linke Hand nimmt und Taël damit eine Öffnung bietet. Dieser setzt ihm direkt wieder zu, doch als Cyrael mit dem Stiel seiner Axt nach seinem Gesicht stößt, weicht der Bruder einen Schritt zurück und blickt ihn verärgert an. Cyraels Kampfstil mag nicht so elegant aussehen wie der Schwerttanz seines Bruders, aber er zeigte seine Wirkung. Etwas irritiert umrundet Taël den Axtkämpfer, stetig auf der Suche nach einer Öffnung und sichtlich verunsichert ob der Manöver Cyraels. "Die Zeiten des Rumschlawänzelns und der holden, heiligen Riten sind vorbei!" ruft Cyrael, während er die Axt zweimal auf die Deckung seines Bruders niedergehen lässt, der die Hiebe mit dem kürzeren Schwert von sich weg lenkt. "Es überlebt, wer die Rohheit der Natur verstehen kann!" Cyrael schlägt ein auf ihn zusausendes Schwert mit der Axt weg und versucht seinerseits, die rechte Schwerthand des Bruders mit dem Haken der Axt einzufangen. Einige erschöpfende Sekunden später stehen sich die Brüder wieder gegenüber, keuchend und sich gegenseitig einschätzend. Wieder nimmt Cyrael den Stiel seiner Axt in die Linke, doch diesmal ist Taël schneller und lässt die beiden Klingen mehrmals in die Öffnung zucken, die eigentlich als Köder gedacht war.

Cyrael taumelt zurück. Sein Gesicht fühlt sich so an, als stünde es in Flammen. Mit den Fingern der rechten Hand betastet er sein Gesicht. Blut. Er schmeckt das Salz auf den Lippen und der rote Lebenssaft scheint ihm die Sicht zu stören.
Der Geschmack des Blutes erweckt den Kampfeseifer im Waldelf. Mit einem lauten Schrei fällt er über den Bruder her, durchschlägt die Parade Taëls und drängt diesen unter einem nicht mehr aufhörenden Hagel aus Schlägen mehrere Schritte zurück. Taël ächzt, als sich der Stiel der Axt erst sein Kinn trifft und dann das Langschwert unter dem Schwung des Axtblattes zersplittert.

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