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Es war ein sommerlicher Abend in Greifenfels und die Sonne sank allmählich dem Horizont entgegen. Zumindest galt dies für den nördlichen Teil, in welchem vor allem Landwirtschaft die Szenerie größtenteils bestimmte. Gebrochen wurde dieses malerische Gesamtbild von hart arbeitenden Bauern im Grunde nur vom Palazzo ‚Patrimonio‘ del Principe, das bekannte Weingut der ehemaligen Fürstenfamilie, welches, auf einem Hang gelegen, wie ein Wächter auf die goldenen Ähren und die verstreuten Höfe herab blickte. Das umtriebige Zentrum der Stadt, welches von zwei Flüssen umarmt sowie von Burg und Wald geschützt lag, konnte das herrliche Licht nur in der Ferne vernehmen und die wenigsten hatten Zeit um auf goldenen Farben zu achten.


Ganz im Gegensatz zu Pintor, ein älterer Mann, dessen Alter von seinem Umfeld auf etwa 80 Jahre geschätzt wurde, dessen Körper das besagte Alter aber nicht wirklich zu kennen schien, denn er war noch außerordentlich gut auf den Beinen. Nur sein weißes Haar und seine Haut, die vor allem im Gesicht von Falten durchzogen und ledrig war, verrieten Beobachtern, dass er wohl eine stolze Zahl an Sommern gesehen haben musste. Über den geistigen Zustand des Mann, der mit den Blaumänteln nach Forod gekommen war, schieden sich hingegen die Geister. Manchmal wirkte er bisweilen verschroben und teilweise auch orientierungslos, öfters suchte er händeringend seinen Wortschatz ab und fand dann seltsame bis unverständliche Formulierungen. Doch auf der anderen Seite hat er Momente, wo man verblüfft mutmaßte, dass er die Suppe der Weisheit eben nicht mit der berühmten Gabel gegessen hatte, sondern vielmehr den ganzen Teller in einem Zug verschlungen haben musste. So konnte Pintor ein großes Wissen über die Natur vorweisen und hatte vor allem in Geologie sowie Geografie ein beträchtliches Repertoire aufgebaut. Zwar war es den Blaumänteln schon vor langer Zeit in den Sinn gekommen, Pintor für ihre Dienste zu gewinnen und seine Künste für die Gemeinschaft nutzbar zu machen, aber da gesellte sich frühzeitig ein Problem hinzu. So hatte der alte Mann keine große Aufmerksamkeitsspanne für alltägliche Probleme als auch für wirtschaftliche Bedürfnisse vorzuweisen, denn er erzählte viel lieber seine Geschichten und war mit dem wenigen was er besaß sehr zufrieden. Daher beließen die Blaumäntel den alten Kauz und duldeten ihn als eine Art liebgewonnen blinden Passagier, der bei Lagerfeuern immer eine Geschichte parat hatte und so nach harten Tagen für Unterhaltung zu sorgen vermochte. Seine Erzählungen handelten von allen möglichen Themen und beherbergten vor allem eine Mischung aus tatsächlich Erlebten und einer gehörigen Portion Fiktion, was daran zu erkennen war, dass sich Personen und Völker fortlaufend ändern konnten.


Pintor freute sich im Hang in der Nähe des Weingutes über die letzten Sonnenstrahlen des Tages und begrüßte innerlich die sich anbahnende Dämmerung wir einen alten Freund. Vor ihm saßen in einem leichten Halbkreis gut ein Dutzend Kinder, die nun zunehmend unruhig wurden, da der alte Mann offensichtlich doch keine künstliche Pause einlegte, um die Spannung zu erhöhen, sondern scheinbar vergessen hatte weiterzuerzählen. »Nun sag schon Opa, wie geht es denn weiter?«, forderte ein Gör ihn quengelnd auf und riss ihn aus seinen Gedanken. »Wie? Was? Achso, ja. Naja, der besagte Drache, der den Held soeben verspeist hatte und die Jungfrau gleich hinterher, weil er dem ständigen Gequatsche von ihr überdrüssig wurde, starb schließlich an Überfüllung. Oh ja, diese Drachen, die haben ein ziemlich sensiblen Magen, das sag ich Euch. Aber wisst Ihr was? Ich habe eine bessere Geschichte für euch, sie heißt ‚Das Gasthaus in Irgendwo‘. Was haltet ihr davon?« Noch bevor einige Kinder intervenieren oder den Heimweg antreten konnten, begann er ohne eine Antwort abzuwarten mit der Erzählung und es galt als unhöflich den alten Mann nun noch zu unterbrechen.

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Irgendwo lag ein kleines Gasthaus in einem saftig grünen Wald mit einem dichten Blattwerk. Es war ein kleines Gebäude mit gerade einmal zwei Fenstern und einer kleinen schlichten Holztür in der Mitte. Das Gasthaus befand sich an einem ruhigen Ort und zu dieser Einschätzung vermochte man erst zu gelangen, wenn die Stille der Natur dort ihr kleines Orchester anstimmte. Dieses bestand für gewöhnlich aus dem Zwitschern von Vögeln, dem Zirpen von Insekten und einem gelegentlichen Rascheln aus dem Unterholz oder aus den Kronen der Bäume. Am Gasthaus führte ein kleine Straße vorbei, die eher wie ein Trampelpfad wirkte. Daher waren Gäste über das gesamte Jahr hinweg wohl sehr selten und man käme nicht drumherum sich zu fragen, wie man hier überhaupt sein Auskommen als Wirt erwirtschaften konnte.


Mha’o’ahm, ein stattlicher fahrender Händler der Runakay, fragte sich ähnliches, als er auf einer Geschäftsreise einige Momente vor dem einsamen Gebäude inmitten des dichten Waldes stand. Er hatte schon viele kuriose Dinge gesehen und noch weitaus mehr Kuriositäten gehört, doch nichts, woran er sich erinnern konnte, war mit diesem Anblick zu vergleichen. Es war schon spät und die Sonne war soeben untergegangen, sodass nur noch dämmriges und schwaches Licht zwischen den säulenartigen Stämmen der Bäume hervorkam. Gleich würde es finstere Nacht sein, so dachte er, und eigentlich kam ein Gasthaus auch wie gerufen. Eine warme Stube, ein trockenes Bett und eine gute Mahlzeit waren jederzeit einem Lagerfeuer vorzuziehen, vor allem, da er nicht wusste welche Kreaturen hier draußen ahnungslosen Reisenden im Schatten auflauerten und vom Feuer angezogen werden würden. Doch er war ungemein vorsichtig und er war in all den Jahren, die er unterwegs war, auch sehr gut damit gefahren. Also blickte er aus sicherer Entfernung zu den Fenstern, um womöglich andere Gäste auszumachen, die im besten Fall natürlich auch wie er Runakay seien, aber zumindest vertrauenserweckend aussehen sollten. Aber Mha’o’ahm wusste insgeheim, dass hier draußen das Äußere eines Menschen ohnehin nur eine geringe Bedeutung hatte und erst durch die tatsächlichen Taten man das wahre Wesen erkannte. Furchteinflößende Gestalten konnten sich daher als nette Zeitgenossen herausstellen und freundliche Gesichter sich als Fratzen des Todes zeigen. Da aber niemand zu sehen war, was zu dieser Tageszeiten in Gasthäusern ungewöhnlich war, legte er die Gedankenspiele über das möglich Klientel zunächst beiseite und lauschte in der Hoffnung nun ein paar Stimmen oder den typischen Geräuschpegel einer solchen Einrichtung zu vernehmen, einfach irgendwas was ihm vertraut war. Doch wieder nichts, es war nur die Stille des Waldes, Zwitschern, Zirpen, Rascheln. War das Gasthaus leer? Er zögerte weiter, er war hin und her gerissen. Aus der Hoffnung nach einem üppigen Mahl überkam ihm die Erinnerung an die köstlichen Paradiesvogelbraten aus Panqara und plötzlich lief Wasser in seinem Mund zusammen. Sein Verstand und jede Logik tendierten wohl dahin, sich nun umzudrehen, ein paar Meter die Straße zu folgen und noch ein passablen Unterschlupf zu finden, bevor die düstere Nacht hereinbrach. Des Weiteren hatte er noch paar Happen Dörrfleisch in seinen Taschen, die zwar nicht besonders deliziös waren, aber dafür haltbar und ebenso ebenso den Hunger stillen konnten. Da es seit Tagen nicht geregnet hatte und Bäume keine Seltenheit waren, hätte er auch wohl nicht lange nach Feuerholz und Zünder suchen müssen, um dem Nachtlager Licht und Wärme zu spenden. Sein Magen knurrte und es war schließlich auch diesem Organ anzukreiden, dass er sich, wie eine Mücke vom Licht, von diesem suspekten Gasthaus und den herzhaften Bratengeruch angezogen fühlte. Bratengeruch? Zunächst hatte Mha’o’ahm gedacht seine Nase spiele verrückt, weil er eben noch an seine Leibspeise sehnsüchtig denken musste, aber nun erkannte er, dass es der wohlige Duft von gebratenem Fleisch und Thymian war, der das Gasthaus für ihn attraktiv machte. Er tastete nach seinem leicht gekrümmten Dolch, der direkt an seinem Gürtel aus Elefantenleder befestigt war. Mha’o’ahm schwor sich ein, um auf alles gefasst zu sein, und dann ging er zügigen Schrittes auf die Tür zu, während sein Herz vor Nervosität pochte.


Langsam öffnete Mha’o’ahm die schwere bogenförmige Tür und mit einem Mal intensivierte sich der köstliche Geruch, der in ihm erwartungsvoll Assoziationen hervorrief. Für einen Moment schloss er seine Augen und er ließ sich einfach treiben, wie ein Stöckchen Holz in einem der ruhigen Betten des Qhusi Mayu im dichten Urwald vor Panqara. Als Mha’o’ahm, seinen Dolch weiterhin griffbereit, seine Augenlider anhob, befand er sich urplötzlich schon inmitten des Raumes. Wie konnte er so unvorsichtig sein? Erschrocken davon wie in Trance das Lokal betreten zu haben, blickte er hektisch umher, um das Gasthaus einer Kurzstudie zu unterziehen und auf potenzielle Gefahren zu prüfen. Der überraschend große Hauptraum war wie erwartet menschenleer und daher auch schnell zu überblicken. Es standen ein paar Tische bestückt mit Stühlen in einem außerordentlich dunklem Holz an den Wänden entlang verteilt. Die Farbe des Interieurs empfand er als wundersam, da er keinen Baum und keine Behandlung kannte, der diesen Farbton und gleichzeitig diese Maserung besaß. Er fragte sich, ob es dieses Ebenholz war, wovon so viele immer sprachen, dessen Existenz er jedoch stets als eine Legende abzustreiten pflegte. Sein Blick erfasste noch mehr vom Raum, der in seinem Zentrum genügend Platz hatte, dass ein Elefant hätte dort schlafen können. Es hingen ein paar Teppiche an der Wand und ebenso ein paar Jagdtrophäen, deren Herkunft er jedoch nicht allen Fällen zoologisch zuordnen konnte. Die beinahe schwarzen Tische waren gedeckt mit einem Stoff, der im ersten Moment aus Spinnenseide zu sein schien. Doch auch dies konnte seiner Meinung nach kaum sein, denn als Fernhändler kannte er die ganze Bandbreite an humanoiden Schaffensdrang und er hatte zwar bereits Spinnenseide von der Weißen Arachne gesehen, deren Fäden dick genug zur Weiterverarbeitung und gleichzeitig der feinste Webstoff waren, dem er je in Augenschein nehmen durfte, aber die Preise waren für Könige und Triumvirat gerade noch so erschwinglich. Wie also hätte ein Gasthaus im Nirgendwo solche Preise bedienen können?

Auf der anderen Seite des Raumes machte Mha’o’ahm einen Tresen aus, der wie die vier Hocker, die vor ihm standen, aus denselben Materialien wie die Tische gefertigt schien. Niemand war zunächst in Sicht und Mha’o’ahm überkam ein beunruhigendes Gefühl. Er war bestimmt in eine Falle gelaufen und musste nun die Zeche dafür zahlen, dachte er. Hinter dem Tresen erhob sich plötzlich ein Mann, und der Runakay erschrak kurz, da eher er dachte vom Eingang her überrascht zu werden. Doch wie sich herausstellte war es der Wirt, der gerade ein unteres Regal einsortiert hatte, und der nun Mha’o’ahm direkt mit einem schiefen Lächeln ansprach. »Ich habe Euch schon erwartet, junger Mann. Willkommen im Gasthaus von Irgendwo.«.
Mha’o’ahm legte etwas überrumpelt seinen rechten Zeigefinger auf die Lippen. Er bemerkte wie den Dolch mit der linken fest umklammerte und in Schweiß tränkte. »Erwartet? Wie das?«
»Oh, ich habe Euch durch das Fenster gesehen und mich schon gefragt, wann ihr denn eintreten wolltet. Aber ich vermute mein Braten hat Euch schlussendlich überzeugt. Und, achja, ihr müsst hier nichts befürchten.«, sagte der Wirt mit seinem Blick auf den Dolch des Händlers deutend, der wiederum sich langsam dem Tresen näherte.
»Es ist nur ein Vorsichtsmaßnahme. Dieser Tage begegnet man überall Halunken und Strauchdieben. Ich möchte möglichen Übergriffen auf meine Person vorbeugen, indem ich mich wehrhaft zeige und bin sehr wehrhaft. Herr?« Leicht verwirrt oder die Verwirrung zumindest spielende blickte der Wirt, der lange kastanienbraune Haare und einen Dreitagebart trug, durch die Räumlichkeit.
»Halunken? Strauchdiebe? Ich sehe keine und ich bin auch gewiss keines davon. Vielleicht kann ich Euch ein Begrüßungsgetränk schmackhaft machen? Ich habe köstlichen Ambrosiawein gekeltert. Möchtet ihr?« Ohne die Antwort abzuwarten holte der Wirt eine Tonflasche hervor und schüttete in ein Pinchen eine glitzernde Flüssigkeit ein. Mha’o’ahm war zunächst skeptisch, aber als der Wirt ein zweites Pinchen, offensichtlich für sich selbst, ebenso befüllte, wich die Skepsis der Neugier und begab sich auf einen der Hocker.
»Und ihr seid auch kein Mörder, der hungrige Gäste hierher lockt um Unaussprechliches mit ihnen macht?«
»Wenn ihr glaubt ich sei eine Hexe, die Menschen verspeist, möchte ich vorschlagen, dass ihr an der Tür dort hinten knabbert und überprüft ob diese nicht aus Süßigkeiten gefertigt wurde.«

Mha’o’ahm hob die Brauen, was hatte er da gerade gesagt? Dann sah er wie der Wirt in ein schallendes Gelächter ausbrach und irgendwie war dies für den Runakay ansteckend, sodass auch zu lachen begann. Als sich beide kurze später beruhigt hatten, fragte Mha’o’ahm, die seltsame und dickflüssige Flüssigkeit studierend,
»Was ist Ambrosia? Ich habe noch nie davon gehört.«
»Oh, es ist ein Geschenk an die Menschheit, man sagt, es mache unsterblich, und da ich seitdem ich es trinke noch nicht gestorben bin, kann ich guten Gewissens nicht das Gegenteil behaupten. Also zum Wohl!«
Der Wirt verschlang den Ambrosiawein in einem Zug und leckte mit seiner Zunge seine Lippen sorgfältig ab. Mha’o’ahm tat es ihm gleich und wurde beinahe davon überwältig. Kurioserweise war das Getränk zunächst äußerst scharf auf den Lippen, dessen Schärfe sich aber in kürzester Zeit in eine milde Süße verwandelte, die wiederum eine leichte Säure als Note im Abgang besaß. Der Wein war unglaublich wohltuend und Mha’o’ahm hoffte inständig darauf noch ein kleines Schlückchen zu erhaschen. Und der Gastgeber war, was man gemeinhin einen guten Gastgeber nannte, und so schenkte er sofort nach. Wieder spürte Mha’o’ahm die theatralische Aufführung, deren erster Akt auf den Lippen begann und sich über die Zunge sowie den Gaumen bis in sein Inneres zum Schlussakkord vollzog. Ein leichtes Hochgefühl machte sich in ihm breit und Mha’o’ahm vergaß all die Befürchtungen, die ihn mit in das Gasthaus begleitet hatten.
»Bei Kuya, dieser köstliche und betörende Ambrosiawein muss direkt aus deinen Freudentränen gewonnen worden sein.«
»Kuya?«, entgegnete der Wirt neugierig, »Ist das eure Göttin?«
»Ihr habt noch nie von Kuya gehört, sagen Euch die Runakay oder denn Panqara etwas?«
Der Wirt beugte sich auf den Tresen vor und legte einen Ellbogen den polierten Deckel, seine Hand fuhr auf sein Kinn, sein ausgestreckter Zeigefinger legte sich über den Mund bis an die Nase. Er überlegte und schüttelte dann den Kopf. Mha’o’ahm wusste zunächst nicht ob sein Gegenüber ihn veräppelte oder ob er es tatsächlich nicht wusste. Er dachte darüber nach, dass er schon an weiter entfernten Orten war und selbst dort kannte man das Pantheon der Runakay zumindest dem Namen nach. Andererseits, er war buchstäblich im Nirgendwo und wusste daher nicht, wie viele Informationen hierher kamen. Aber ein Gasthaus hätte doch wohl schon von Reisenden aufgeklärt werden müssen. Mha’o’ahm wurde etwas sauer, beruhigte sich dann aber und sagte
»Das ist ungewöhnlich, woran glaubt ihr in diesen Gefilden?«

Der Wirt brummte, er löste sich aus seiner gebückten Haltung und ging um den Tresen herum, bis er direkt vor dem Händler stand. Sein Blick war freundlich und wirkte auf Mha’o’ahm gar sympathisch. Er bedeutete ihm ihn nach draußen zu folgen und der Runakay folgte ihm.


Kurze Zeit später standen beide hinter dem Haus. Die Nacht war über den Ort hereingekommen und der düstere Wald förderte in Mha’o’ahm einiges an Unbehagen. Nur eine Fackel, die der Wirt zuvor angezündet hatte, erleuchtete die nähere Umgebung ausreichend. Jedoch erzeugte das Licht der Flamme in Verbindung mit den säulenartigen Bäumen gruselige Schatten. Der Wirt deutete mit seiner Fackel auf einen Hinkelstein, der auffällig zwischen Wald und Gasthaus stand. Dieser war höher als er breit war, hellgrau und von einer grünen Flechte mit schwarzen Rändern zu Teilen bewachsen.
»Ist dies ein Werk eures Gottes?«, entfuhr es den Runakay, der von seinem Vorpreschen selbst ein wenig überrascht war.
»Menschen beten an, was sie selbst erschaffen.«, er streichelte den Stein mit seiner linken Hand, »Ich kam vor einigen Jahren auf die Idee, einen eigenen Versuch zu starten und zu sehen was geschieht. Ich war zunächst skeptisch, aber seitdem ich diesen Stein, ich nenne ihn Onix, jeden Abend ein Loblied singe, ist mir nichts schlimmes geschehen. Mir geht es gut, Krankheiten und Räuber bleiben mir fern, und manchmal kommt ein interessanter Gast, wir ihr es seid, mit dem ich eine befriedigende Unterhaltung führen kann.«
Mha’a’ahm überlegte kurz, ob der Wirt nun endgültig bemüht war das Pantheon seines Volkes zu entehren, aber verdutzt stellte er fest, dass er die Aussagen ihm nicht negativ auslegen konnte. Irgendwas war an diesem Mann seltsam, aber er war ihm sympathisch und so ging neugierig auf ihn ein. »Onix, mhh, und ihr allein betet ihn an?«
»Wer denn sonst noch? So wie es ist, muss ich ihn ja nicht teilen, denn bin ich mir nicht einmal sicher, ob ein weiterer Gläubiger nicht dazu führt, dass ich etwas vermissen muss. Nein, ich will ihn gar nicht teilen.«
»Bemerkenswert. Es ist der erste Glauben, der nicht missioniert oder sich mehr Anhänger wünscht, sondern dies gar verhindern will.«, schmunzelte Mha’o’ahm. »Da hier nichts ist, frage ich mich woher ihr kommt. Eure Volksleute hatten ja sicherlich andere Götter, nicht wahr?«
Der Wirt schien zunächst nicht zu wissen, was der Runakay von ihm wollte, dann sagte er, »Wo ich herkomme hatten wir nicht das Gefühl, dass Götter über uns stünden, über uns wachten oder über unsere Lebensweise befahlen, wir waren einfach da. Ich probiere es jetzt das erste mal mit Göttern, aber ich gebe zu, es hat was beruhigendes, auch wenn ich noch Skepsis verspüre.«
»Skepsis? Ob Onix existiert?«
Der skurrile Gastgeber wendete sich mit dem Gesicht zu Mha’o’ahm und lächelte. Der Runakay sah das erste mal, wie das freundliche Antlitz jedoch müde Augen besaß. »Ich, ich meine wir, sind nicht wie ihr. Wir kennen die Welt ziemlich gut, auch das Leben kennen wir gewissermaßen aus erster Hand und ebenso all das, was das Greifbare umgibt. Und ich weiß zufällig, dass da nicht viel Platz für Götter ist.«
Dies stieß Mha’o’ahm nun doch säuerlich auf und er wurde lauter, »Ihr bezweifelt also alle Götter, nur weil Ihr in Eurem Stein keine Göttlichkeit erkennen vermögt? Haltet ihr mich für einen Narren? Ihr beleidigt mich und die Götter.«
Der Wirte machte mit der linken Hand eine beschwichtigende Geste, dann sagte er ruhig. »Ich halte euch für einen Menschen. Und ob Eure Götter existieren, kann ich Euch nicht sagen. Ich sagte nur, dass nicht viel Platz für sie vorhanden ist, aber in der Welt kann mittlerweile vieles geschehen. Sie ist gewissermaßen ein Selbstläufer geworden, außer Kontrolle, wild.«

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